Historisches Ortslexikon
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- Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 22. Besse
Weitere Informationen
Niederzwehren
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Stadtteil · 160 m über NN
Gemeinde Kassel, Stadt Kassel - Siedlung ↑
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Ortstyp:
Dorf
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Lagebezug:
4 km südwestlich von Kassel
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Lage und Verkehrslage:
Stadtteil in der Beckenlandschaft südlich von Kassel westlich der Fulda. Durch den Ort führt der Grunnelbach, die Matthäuskirche befindet sich auf einer Anhöhe. Bis zur Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der Ort landwirtschaftlich geprägt, erfährt aber sodann eine rasante wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Entwicklung sowie eine Wandlung der Erwerbsstruktur. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft und im Zweiten Weltkrieg werden zahlreiche Kriegs- und Zwangsarbeiterlager in der Gemarkung Niederzwehren (s. Topographie des Nationalsozialismus) angelegt. Nach dem Krieg wächst der Ort mit den angrenzenden Stadtteilen Wehlheiden, Helleböhn und Oberzwehren zu einem den Kasseler Südwesten umfassenden modernen Siedlungskomplex zusammen.
Im Zuge der alten Wegführung traf die Frankfurter Straße in Niederzwehren auf die Korbacher Straße. Heute verläuft im Osten die B 3 bzw. die A 49 mit der Anschlusstellen Kassel-Niederzwehren und Kassel-Auestadion.
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Siedlungsentwicklung:
Nieder- und Oberzwehren bildeten ursprünglich eine Siedlungseinheit, die erst um 1200 differenziert wird.
1928 erfolgt die Eingemeindung von Teilen des aufgelösten Gutsbezirks Forst Kirchditmold.
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Vorbemerkung Historische Namensformen:
In den frühen Quellen ohne präzisierenden Bestimmungsteil sind Nieder- und Oberzwehren nicht zu unterscheiden.
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Historische Namensformen:
- Tuuerun, in; Tuueron, in (1081) [Fälschungen um 1100 HStAM Bestand Urk. 27 Nr. 585 und HStAM Bestand Urk. 27 Nr. 586; Druck UB Mainz 1, S. 253-258, Nr. 358]
- Dwern, in (1123) [HStAM Bestand Urk. 27 Nr. 591; Druck: Mainzer Urkundenbuch 1, S. 417-420, Nr. 514]
- Tuere, in (1145) [Klosterarchive 2: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein, S. 502-503, Nr. 1361]
- Twerne, de (um 1200) [Urkunden Kloster Hardehausen, S. 67, Nr. 29]
- Tweren inferiore, in (1224) [Roques, Urkundenbuch Kloster Kaufungen 1, S. 46, Nr. 36]
- Tueren (1229) [Roques, Urkundenbuch Kloster Kaufungen 1, S. 50-53, Nr. 41]
- Tweren, de (1235) [Abschrift Klosterarchive 5: Kloster Haina, Band 1, S. 58-59, Nr. 84]
- Twern, de (1240) [Klosterarchive 2: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein, S. 518, Nr. 1393]
- Tuerne, in (1257) [HStAM Bestand Urk. 39 Nr. 1; Druck: = H. Schneider, Schenkungsurkunden von 1257, in: "capellam..., que dicitur Nordershusen" 750 Jahre Kloster Nordshausen vor Kassel, Anhang, S. 125-126]
- Tvern (1264) [Klosterarchive 2: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein, Nr. 1368]
- inferiori Tvern, in (1271) [HStAM Bestand Urk. 39 Nr. 17]
- Tweren inferior (1293) [Roques, Urkundenbuch Kloster Kaufungen 1, Nr. 36]
- Nederen Tvern (1321) [Klosterarchive 2: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein, Nr. 97]
- Nederen Tvern, in (1322) [Klosterarchive 2: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein, S. 37-38, Nr. 97]
- Duern, de; Tuern, in (1322) [Roques, Urkundenbuch Kloster Kaufungen 1, S. 149-150, Nr. 157]
- inferiori Tvern, in (1336) [Landgrafen-Regesten online Nr. 16655]
- inferiori Twerin, in (1336) [HStAM Bestand Urk. 27 Nr. 193]
- Kyrchtzwerne (1343) [HStAM Bestand Urk. 20 Nr. 38]
- Twerne (1366) [Klosterarchive 2: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein, S. 300-301, Nr. 773]
- Alden Tworn (1410) [HStAM Bestand Urk. 39 Nr. 80]]
- Nedernzwern (1457-1459) [HStAM Bestand S Nr. 411]
- Twern (1519) [W. A. Eckhardt, Salbuch des Stifts Kaufungen von 1519, S. 120]
- Nider Twern (1585) [Der ökonomische Staat, S. 77]
- Nider Zwern; Nieder Zwern (1625) [Wilhelm Dilich, Landtafeln hessischer Ämter, S. 210-213, Tafeln 65-66]
- Niedern Twern (1597) [Stromkarte der Fulda von Hersfeld bis Kassel HStAM Bestand Karten Nr. R III 7 Nr. 9]
- Nieder Zweren (1708/10) [Schleenstein, Landesaufnahme, Karte Nr. 1]
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Bezeichnung der Siedlung:
- villa (1224)
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Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:
- Am Keilsberg
- Burg Niederzwehren
- Dofelt (Wüstung)
- Giese (Wüstung)
- Hechinehe (Wüstung)
- Helleböhn
- Neue Mühle
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Burgen und Befestigungen:
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Umlegung der Flur:
1883; 1935
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Älteste Gemarkungskarte:
1684-1708
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Koordinaten:
Gauß-Krüger: 3532656, 5683759
UTM: 32 U 532569 5681925
WGS84: 51.287724° N, 9.467044° O OpenLayers - Statistik ↑
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Ortskennziffer:
611000091
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Frühere Ortskennziffer:
611000811
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Flächennutzungsstatistik:
- 1885 (Hektar): 1168, davon 822 Acker (= 70.38 %), 165 Wiesen (= 14.13 %), 34 Holzungen (= 2.91 %)
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Einwohnerstatistik:
- 1585: 63 Haush. (Der ökonomische Staat);
- 1747: 115 Haush. (Stadt- und Dorfbuch des Ober- und Niederfürstentums Hessen);
- 1885: 1995, davon 1952 evangelisch (= 97.84 %), 24 katholisch (= 1.20 %), 15 andere Christen (= 0.75 %), 0 Juden, 4 andere (= 0.20 %)
- 1895: 2436 Einw.
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Diagramme:
Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968. - Verfassung ↑
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Verwaltungsbezirk:
- 1458/59: Landgrafschaft Kassel, Amt Kassel
- 1483: Landgrafschaft Kassel, Gericht des Zwehrentores (später Gericht bzw. Amt Bauna)
- 1787: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Niederhessen, Amt Bauna
- 1803-1806: Kurfürstentum Hessen, Niederhessen, Amt Bauna (seit 1804 Wilhelmshöhe)
- 1807-1813: Königreich Westphalen, Departement der Fulda, Distrikt Kassel, Kanton Zwehren
- 1814-1821: Kurfürstentum Hessen, Niederhessen, Amt Wilhelmshöhe
- 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Kassel
- 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Kassel
- 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Kassel
- 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel
- 1936: Deutsches Reich, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Stadtkreis Kassel
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Altkreis:
Kassel, kreisfreie Stadt
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Gericht:
- 1257 gehören Nieder- und Oberzwehren sowie Nordhausen zum Gericht Zwehren
- vor 1822: Amt Ahna
- 1822: Landgericht Kassel
- 1850: Justizamt Kassel II
- 1867: Amtsgericht Kassel II
- 1879: Amtsgericht Kassel
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Herrschaft:
Da sich der gesamte Zehnte (s. dort) in der Hand des Klosters Kaufungen befand, liegt die Vermutung nahe, dass Niederzwehren im 11. Jahrhundert zum Königshof Kassel gehörte und mit diesem 1039/40 an das Kloster Kaufungen kam.
1308 kommen die landgräflichen Vogteieinkünfte in Niederzwehren an das Kloster Kaufungen.
1366 wird im Zusammenhang mit der Erhebung der Pfarrkirche St. Martin in Kassel zur Kollegiatkirche diese ein Dotierung mit landgräflichen Gütern u.a. in (Nieder-) Zwehren bestätigt. Nach der Reformation ist die gesamte Herrschaft in den Händen der Landgrafen.
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Gemeindeentwicklung:
1.4.1936: Eingemeindung in die Stadt Kassel.
- Besitz ↑
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Grundherrschaft und Grundbesitzer:
- Um 1081 bestätigt Erzbischof Siegfried I. von Mainz dem Kloster Hasungen u.a. den Besitz von zwei Hufen in Zwehren, 1123 kommt eine weitere hinzu.
- 1145 sind in Niederzwehren 1 1/2 Kaufunger Lehnhufen eines Ministerialen der Äbtissin belegt, 1229 bestätigt Papst Gregor IX. dem Kloster u.a. den Besitz der villa Niederzwehren. Das Kloster besitzt einen von einem Hofmeister verwalteten Stiftshof, die Kirche samt Patronat und den Zehnten. Es ist der wichtigste Grundherr in Niederzwehren und vermehrt seinen Besitz durch Lehnsauftragung und Tausch. Der Besitz wird wiederum teilweise verpachtet oder als Lehn ausgetan.
- 1271 überlässt Hermann Venger dem Kloster Nordshausen seine Güter in Niederzwehren.
- 1308 überließ Landgraf Heinrich I. das Allodium dem Stift Kaufungen (vgl. Ortsadel).
- 1322 schenkt der Ritter Ludwig von Zwehren dem Kloster Ahnaberg u.a. 6 Pfennige Zins in Niederzwehren.
- 1336 erwirbt Landgraf Heinrich von Hessen u.a. einen Hof in Niederzwehren von Ludwig gen. Volgnand von Zwehren und veräußert ihn weiter an Abt und Konvent des Klosters Hasungen.
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Zehntverhältnisse:
1224 gibt Landgraf Ludwig IV. von Thüringen dem Kloster Kaufungen auf Bitten seiner Mutter Sophie und der Äbtissin Lutgardis den Novalzehnten zu Niederzwehren zurück. Der Zehnte ist bis zur Reformation im Besitz des Klosters belegt.
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Ortsadel:
Herren von Twern (Zwehren) sind von der Mitte des 13. Jahrhunderts an belegt. Sie stehen als Lehnsmannen und Ministeriale in den Diensten der Landgrafen. Erst im 16. Jahrhundert scheinen die Herren von Twerne ausgestorben zu sein.
- Kirche und Religion ↑
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Ortskirchen:
- plebanus (1235, 1240)
- plebanus in Tuern capellani in Confungen (1324)
- Matthäuskirche 1789 in klassizistischem Stil an der Stelle eines Vorgängerbaus errichtet, Chorturm 1472. Schiff 1913/14 erweitert
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Patrozinien:
- Agatha [1413/32]
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Pfarrzugehörigkeit:
Niederzwehren gehörte zum Kloster Kaufungen und bildete keinen Pfarrbezirk aus. 1527 gehörte die Feldkirche oder das Verenaspital zur Pfarrei.
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Patronat:
Das Patronatsrecht besitzt 1363 das Kloster Kaufungen, nach der Reformation haben es die Landgrafen inne.
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Diakonische Einrichtung:
03.12.1907 eine Schwester, Krankenpflege, Vereinsbetreuung, Gemeindearbeit; weitere Schwester für Kleinkinderschule ab 26.07.1909, Sardemann, Geschichte des hessischen Diakonissenhauses zu Cassel S. 320-321; 1926 nach Ritter, Kirchliches Handbuch, S. 22 Gemeindestation mit einer Krankenpflege- und einer Schulschwester; 1928 - 1937, 1954 - 1978 (Landeskirchliches Archiv Kassel, E 1 Kassel-Niederzwehren v.O. Pfarrarchiv Kassel-Niederzwehren)
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Bekenntniswechsel:
Erster evangelischer Pfarrer: Johann Bender, gen. Johann von Grünberg ca. 1528 bis vor 1536, ehemaliger Pater im Weißenhof in Kassel
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Kirchliche Mittelbehörden:
15. Jahrhundert: Kirchenprovinz Mainz, Archidiakonat St. Peter zu Fritzlar, Erzpriestersprengel Ditmold
Als protestantische Pfarrei der Klasse Wilhelmshöhe zugehörig.
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Juden:
Der Ort ist der Gemeinde Kassel angeschlossen.
1932/33: 8 Juden
- Kultur ↑
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Schulen:
1910 Volksschule mit zehn Klassen
- Wirtschaft ↑
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Wirtschaft:
Bis zur Industrialisierung überwiegend Landwirtschaft. Ansiedlung der Waggonfabrik Credé & Co, die seit 1897 Eisenbahn- und Straßenbahnwagen sowie Busse produzieren. Das Werk wird 1967 stillgelegt. 1907 Gründung der Firma Berghöfer, die Metallschläuche herstellt. Holzhandel durch die Firma Jordan.
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Mühlen:
In der Dorfgemarkung befand sich eine Mühle, deren Wasser dem Grunnelbach entnommen wurde und die 1771 als Ölmühle mit einem unterschlächtigen Wasserrad beschrieben wird. Die Einstellung des Betriebs erfolgte noch im 19. Jahrhundert
- Nachweise ↑
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Literatur:
- Kassel-Lexikon, Bd. 2: L-Z, S. 107
- W. A. Eckhardt, Salbuch des Stifts Kaufungen von 1519, S. 119-123
- Knappe, Burgen in Hessen, S. 41 f.
- Scholz, Wasser- und Windmühlen in der Stadt Kassel, S. 102
- K. Heinemeyer, Königshöfe und Königsgut im Raum Kassel, S. 311 (Register)
- Eisenträger/Krug, Territorialgeschichte der Kasseler Landschaft, S. 109-114
- Wilhelm Dilich, Landtafeln hessischer Ämter, S. 210-213, Tafeln 65-66
- W.A. Eckhardt, Wilhelm Dilichs Zehntkarte von Niederzwehren, in:Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 72 (1961), S. 99-122.
- Historisches Ortslexikon Kurhessen, S. 538
- C. Knetsch, Die Familie von Twern, in: Hessische Chronik 4 (1915), S. 36-44
- W. Classen, Kirchliche Organisation Althessens, S. 181
- Holtmeyer, Landkreis Kassel, S. 103-111
- Hütteroth, althessische Pfarrer, S. 527
- Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen: Anfang, Untergang, Neubeginn, Bd. 1, S. 414
- Hochhuth, Statistik der evangelischen Kirche, S. 225-226
- Zitierweise ↑
- „Niederzwehren, Stadt Kassel“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/2248> (Stand: 28.11.2022)