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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 7. Volkmarsen
Fürstentum Waldeck und Pyrmont 1866

Weitere Informationen

Volkmarsen

Stadt · 188 m über NN
Gemeinde Volkmarsen, Landkreis Waldeck-Frankenberg 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Stadt

Lagebezug:

8,5 km nordöstlich von Bad Arolsen

Lage und Verkehrslage:

Stadt mit einfachem, ovalem Grundriss und gitterförmigem Straßennetz, dicht an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen (Kreis Höxter). Im Westen verläuft die Twiste, in die südwestlich der Kernstadt die Watter und nördlich die Wande und die östlich verlaufende Erpe münden. Die Hauptachse (Steinweg) durchquert die Stadt von Südost nach Nordwest, von ihr ausgehend führen vom rechteckigen Marktplatz mit Pfarrkirche in der Mitte Verbindungen nach Osten. Evangelische Pfarrkirche östlich der Altstadt (Kasseler Straße). Moderne Siedlungsausdehnung vor allem im Südosten und entlang der Ausfahrtstraßen. Die heutige Umgehungsstraße verläuft östlich der Altstadt.

Chaussee nach Niederlistingen und Bad Arolsen. Die Stadt ist über die Landesstraßen L3080, L3081 und L3075 sowie die Kreisstraße K6 an das Verkehrsnetz angeschlossen. Autobahnanschluss besteht an die östlich verlaufende A44 über die Anschlussstelle Breuna.

Bahnhof der Eisenbahnlinie Warburg – Korbach ("Twistetalbahn") (Inbetriebnahme der Strecke 1.5.1890). Strecke ab hier bis Warburg 1982 stillgelegt.

Endbahnhof der Eisenbahnlinie Volkmarsen – Vellmar/Obervellmar (Inbetriebnahme der Strecke 15.12.1896).

Ersterwähnung:

1155

Siedlungsentwicklung:

Entstehung der Stadt nach 1233 im Anschluss an den Wirtschaftshof des Klosters Corvey. Stadterweiterung nach 1365. Stadtmauer und drei Stadttore (Oberes Tor, Niederes Tor, Wittmarer Tor). Abriss im 19. Jahrhundert

Historische Namensformen:

Bezeichnung der Siedlung:

  • curia (1155)
  • advocatia (1190-1205)
  • officium; oppidum (1233)
  • civitas (1257)

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3508414, 5697311
UTM: 32 U 508337 5695472
WGS84: 51.4104066° N, 9.11987032° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

635020060

Flächennutzungsstatistik:

  • 1885 (Hektar): 3047, davon 1973 Acker (= 64,75 %), 244 Wiesen (= 8 %), 382 Holzungen (= 12,5 %)
  • 1961 (ha): 3387, davon 932 Wald (= 27,5 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1885: 2246, davon 252 evangelisch (= 11,22 %), 1876 katholisch (= 83,53 %), 118 Juden (= 5,25 %)
  • 1961: 3829, davon 937 evangelisch (= 24,47 %), 2854 katholisch (= 74,54 %)

Diagramme:

Volkmarsen: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 1339: Erzstift Köln, Herzogtum Westfalen, Amt Kogelnberg-Volkmarsen (Kugelburg samt Stadt und Amt Volkmarsen)
  • 1789: Kurfürstentum Köln, Herzogtum Westfalen, Amt Volkmarsen
  • 1802: Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Fürstentum Corvey, Amt Volkmarsen
  • 1806: Prinz von Oranien-Nassau-Corvey, Fürstentum Corvey, Amt Volkmarsen
  • 1807-1813: Königreich Westphalen, Distrikt oder Unterpräfektur Kassel, Kanton Volkmarsen
  • 1814-1817: Königreich Preußen, Amt Volkmarsen
  • 1817: Kurfürstentum Hessen, Niederhessen, Amt Wolfhagen
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Wolfhagen
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Kassel
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Wolfhagen
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Wolfhagen
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Wolfhagen
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Wolfhagen
  • 1972: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck-Frankenberg

Altkreis:

Wolfhagen

Gericht:

  • 1413: Freistuhl Kogelnberg
  • 1821: Justizamt Volkmarsen
  • 1879: Stadt- und Amtsgerichtsort Volkmarsen
  • 1945: Amtsgericht Wolfhagen

Herrschaft:

Ursprünglich Sitz Corveyer Besitzungen im Twistetal. (1190-1205) kauft Kloster Corvey die Vogtei Volkmarsen von Gottschalk von Pyrmont. Die Entwicklung im 13. Jahrhundert ist eng mit der vermutlich durch die Herren von Everstein errichteten Kugelsburg verknüpft. 1233 nimmt Papst Gregor IX. sämtliche Besitzungen des Klosters Corvey, u.a. die Kugelsburg sowie die Stadt Volkmarsen mit Zugehörungen, in seinen Schutz. Die Grafen von Everstein verlieren die Burg Ende des 13. Jahrhunderts und 1298 stellte sich die Abtei Corvey unter den Schutz des Erzbischofs von Köln, der damit auch Herr der Kugelsburg wurde. Mit Zustimmung Corveys setzte er den Ritter Konrad Schultheiss aus Warburg als Amtmann ein. 1304 verpfändet die Abtei Corvey dem Kölner Erzbischof für 700 Mark die Hälfte der Kugelsburg und der Stadt Volkmarsen, beide verpfänden ihre jeweilige Hälfte in der Folge regelmässig, u.a. an Hermann von den Mühlen, den Marschall von Westfalen, Berthold von Büren, Herbold von Mederich, den Brüdern von Pappenheim und den Landgrafen von Hessen. Durch seine strategische Lage an der Straße von Fritzlar nach Paderborn war die Herrschaft über Volkmarsen zwischen Kurköln, Hessen und Paderborn umkämpft. Durch den endgültigen Verzicht Corveys gewann Kurköln 1503/07 die vollständige Herrschaft über Volkmarsen.

Ohne formale Stadterhebung erscheint Volkmarsen im päpstlichen Schutzbrief für das Kloster Corvey 1233 als Stadt (oppidum), 1240 werden (cives) genannt. Ein Richter und Ratsleute (iudex et consules universi ) 1257, Bürgermeister (proconsul) 1272. 1342: Bürgermeister und Ratmannen (magister civium et consules) [Regesten der Erzbischöfe von Köln 5, S. 255, Nr. 935]

1257 wird in einer Urkunde das sigillum nostrum civitatis angekündigt (überliefert 1272).

1333 gewährt der Kölner Erzbischof Walram von Jülich, Herzog von Westfalen, den Bürgern seiner Stadt Volkmarsen, die wegen der weiten Entfernung zum Kölner Erzstift von ihren Feinden mancherlei Nachstellungen von ihren Feinden erdulden müssen, das Recht, in seiner Gografschaft und seinem Herzogtum nur an solchen Gerrichtsversammlungen außerhalb ihrer Mauern teilnehmen zu müssen, die innerhalb eines durch die entfernteste Brücke und das Mühlentor begrenzten Gebietes stattfinden (Regesten der Erzbischöfe von Köln 5, S. 45, Nr. 183-184). 1365 gestattet Erzbischof Engelbert von der Mark den Bürgern zu Volkmarsen neben ihrer Stadt eine neue Stadt mit Gräben, Mauern, Wasserleitungen, Mühlen usw. zu gleichen Rechten wie die alte Stadt anzulegen (Regesten der Erzbischöfe von Köln 7, S. 90, Nr. 325)

Gemeindeentwicklung:

Zur Entwicklung seit der hessischen Gebietsreform 1972 s. Stadtgemeinde Volkmarsen.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 1329 sowie nach den Einkünfteverzeichnissen 1370-76 besitzt Kloster Hardehausen einen Klosterhof in Volkmarsen.

Zehntverhältnisse:

Papst Adrian IV. bestätigt dem Kloster Corvey 1155 u.a. den Besitz des Zehnten vom Hof in Volkmarsen, 1162 wird dieser Besitz vom Gegenpapst Victor IV. bestätigt, 1184 von Papst Lucius III.

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • 1252: ecclesia
  • 1268: capella [HStAM Bestand Urk. 85 Nr. 7983]
  • 1283: plebanus
  • 1317: eclesia parochialis
  • Frühgotische Hallenkirche mit Rechteckchor und Westturm. Im 16. Jahrhundert Ausbau, 1669 Renovierung, 1857-59 Restaurierung
  • Evangelische Gemeinde seit 1841, Kirche 1845-47 als romanisierender Sandsteinquaderbau errichtet.

Patrozinien:

Pfarrzugehörigkeit:

1252 ist die Kirche in Volkmarsen der Pfarrkirche in Witmar unterstellt. 1283 werden Breuna und Rhöda von Volkmarsen aus versehen.

Patronat:

1252 überträgt Graf Otto von Everstein die Kirche dem Kloster Arolsen, das sie bis 1526 innehat. 1317 wrid dieses Recht von Papst Joahnnes XXII. bestätigt. Nach der Einführung der Reformation wird das Patronatsrecht von Kurköln gegen hessische Ansprüche behauptet.

Klöster:

Bekenntniswechsel:

Da zum Herzogtum Westfalen gehörig, blieb der Ort zunächst katholisch. Vorübergehende Einführung der Reformation unter Erzbischof Gebhard von Köln 1583-90.

Kirchliche Mittelbehörden:

15. Jahrhundert: Mainzer Kirchenprovinz, Archidiakonat St. Marien zu Hofgeismar

Kölner Kirchenprovinz

Ende 16. Jahrhundert: Kölner Kirchenprovinz

1731: Bistum Paderborn

1761: Kölner Kirchenprovinz

1821: Bistum Fulda

Juden:

Statistik: 1806: 16 Juden; 1818: 120; 1827: 129; 1861: 149; 1905: 83; 1927: 49 Juden (3 Kinder); 1932/33: 42 Juden (8 - 10Familien?) (1,75% Gesamtbevölkerung); letzte Einwohner wurden 1942 deportiert.

Erste Hinweise auf Juden Mitte des 18. Jahrhunderts (Geburtsdaten im Sterberegister); die Ehringer Juden gehörten zur Gemeinde

Synagoge: zunächst Beträume in Privathäusern; Synagoge (zweigeschossiges Fachwerkhaus) vermutlich Mitte 19. Jh. erbaut in der Baustraße 11; blieb während der Reichspogromnacht unbeschädigt; rituelles Bad im Ort vorhanden. (alemannia-judaica)

Von 1837 bis 1912 bestand eine jüdische Elementarschule (Lehrer zugleich Vorbeter und Schächter), die bis 1925 als Privatschule weitergeführt wurde. 1869: 21 Kinder; 1907-1910: 9 Schüler; 1912: 5 Schüler; 1932/33: 5 Kinder im Religionsunterricht.

Zwischen 1824 und 1874 sind viele Juden im Handwerk tätig: 6 Schuhmacher; 5 Metzger; 2 Schneider; 1 Tuchmacher, 5 Färber (1 Schönfärber), 1 Buchbinder; 1 Seiler: 1 Klempner; 2 Blechschmiede und 1 Schreiner. Daneben auch bis in die 19(?)30er Jahre viele Juden als Vieh-, Pferde- und Getreidehändler tätig.

Friedhof: Alter jüdischer Friedhof bestand seit dem 18. Jahrhundert, geschlossen wurde er 1845. Gelegen an der Straße nach Herbsen bei der "Judenwarte". 1845 Anlage eines neuen Friedhofs am Erpeweg. (alemannia-judaica)

Zeitweise wurde von der Gemeinde auch der Friedhof in Meimbressen mitgenutzt worden sein.

Kultur

Schulen:

1266: rector scolarium

Historische Ereignisse:

1477 teilweise Zerstörung der Stadt. Volkmarsen ist als Exklave des kurkölnischen Amtes Marsberg im waldeckisch-hessischen Umland in besonderem Maße von den kriegerischen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts betroffen. 1632 vollständige Zerstörung der Stadt. 1668 und 1685 Stadtbrände

Wirtschaft

Wirtschaft:

Haupterwerbsquelle ist Landwirtschaft

Mühlen:

unser frouwen můllen (1377) [Regesten der Erzbischöfe von Köln 12,1, S. 397, Nr. 1258] vor dem Mühlentor. Möglicherweise identisch mit der Niedermühle

1403 verpachtet der Kölner Erzbischof Friedrich von Saarwerden der Stadt Volkmarsen seine Wassermühle, genannt die Grevenmule an der Twiste [Regesten der Erzbischöfe von Köln 11, S. 197-198, Nr. 699-700]

Obermühle vor dem Obertor an einem Betriebsgraben der Twiste am Südrand des Ortes (1820/21 2 unterschlächtige Mahlgänge und 1 Schlaggang); 1885: 3 Wohnhäuser mit 26 Bewohnern

Pfortenmühle an einem Betriebsgraben der Twiste am Westrand des Ortes (1820/21 2 unterschlächtige Mahlgänge daneben zudem Schlagmühle); 1885: 1 Wohnhaus mit 7 Bewohnern

Niedermühle vor dem Niedertor an einem Betriebsgraben der Twiste am Nordrand des Ortes (1820/21 2 unterschlächtige Mahlgänge, daneben zudem Schlagmühle); 1885: 1 Wohnhaus mit 7 Bewohnern

Sägemühle an einem Betriebsgraben der Twiste am Nordrand des Ortes (1820/21 zudem Lohmühle); 1885: 1 Wohnhaus mit 10 Bewohnern (hier als Sägemühle bezeichnet)

Vogelsangmühle

Markt:

1695: Zahl der Märkte von sechs auf acht erhöht; sie finden stets Montags statt nach Maria Lichtmess, nach Judica, nach Cantate, nach Vitus, nach Laurentius, nach Michaelis, nach Martini (dazu auch Dienstags), vor Thomas

Münze:

Seit dem Abbatiat Hermanns I. von Corvey (1223-1254) werden bis ins 15. Jahrhundert Münzen in Volkmarsen geschlagen.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Volkmarsen, Landkreis Waldeck-Frankenberg“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/1885> (Stand: 29.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde