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Herzogtum Nassau 1819 – 51. Rüdesheim

Geisenheim

Stadtteil · 88 m über NN
Gemeinde Geisenheim, Rheingau-Taunus-Kreis 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Stadt

Lagebezug:

2,5 km östlich von Rüdesheim am Rhein

Lage und Verkehrslage:

Siedlung in der Rheinuferzone an der Einmündung des Steg- oder Blaubaches. Kirche an der Südostecke des Marktplatzes.

Geisenheim war Endpunkt des bei Rüdesheim zum Rhein absteigenden "Kaufmannsweges", der von Lorch aus über die Taunushöhen (Kammerforst) führend, die Stromschnellen des Binger Lochs umging.

Bahnhof der Eisenbahnlinie Wiesbaden – Oberlahnstein ("Rheintalbahn") (Inbetriebnahme der Strecke 11.8.1856). Eisenbahn-Rheinbrücke von Geisenheim-Rüdesheim nach Bingen-Kempten (Hindenburgbrücke) 1915 erbaut, 1945 gesprengt. Dampfer-Anlegestelle seit 1832.

Ersterwähnung:

772

Siedlungsentwicklung:

Den Kern bildet ein fränkisches, ringförmiges Haufendorf mit radförmigem Straßennetz um den rechteckigen Marktplatz (mit Kirche). Da die Hauptstraße nördlich dieses Kerns verläuft, wuchs die Siedlung besonders in dieser Richtung und entwickelte in den neueren Teilen einen mehr gitterförmigen Grundriss mit leicht gebogenen, nicht ganz parallelen Straßenzügen. Er zeigt heute ein unregelmäßiges Vieleck mit 3 langen Ausläufern an den Hauptstraßen nach W, N und O, die zusammen mit dem Nordostteil (Pflanzer) zu den jüngsten Stadtteilen gehören. Zur Gemeinde rechnet das 5 km nördlich gelegene Kloster Marienthal (gegründet 1313).

Historische Namensformen:

Bezeichnung der Siedlung:

  • villa (772);
  • dorff (1408);
  • 1864 Erhebung zur Stadt

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Burgen und Befestigungen:

  • Den Kern bildet ein fränkisches, ringförmiges Haufendorf mit radförmigem Straßennetz um den rechteckigen Marktplatz (mit Kirche). Da die Hauptstraße nördlich dieses Kerns verläuft, wuchs die Siedlung besonders in dieser Richtung und entwickelte in den neueren Teilen einen mehr gitterförmigen Grundriss mit leicht gebogenen, nicht ganz parallelen Straßenzügen. Er zeigt heute ein unregelmäßiges Vieleck mit 3 langen Ausläufern an den Hauptstraßen nach W, N und O, die zusammen mit dem Nordostteil (Pflanzer) zu den jüngsten Stadtteilen gehören. Zur Gemeinde rechnet das 5 km nördlich gelegene Kloster Marienthal (gegründet 1313).

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3425931, 5539069
UTM: 32 U 425886 5537294
WGS84: 49.98336634° N, 7.966197399° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

439004010

Flächennutzungsstatistik:

  • 1885 (Hektar): 2822, davon 486 Acker (= 17.22 %), 100 Wiesen (= 3.54 %), 1800 Holzungen (= 63.78 %)
  • 1950: 2801 ha. Sie stellt einen langen, schmalen Streifen von Nord-Süd-Richtung (senkrecht zum Rhein) zwischen Rhein und Wisper dar, etwa 2,6 zu 11 km, den Taunus bis über 440m Höhe durchziehend.
  • 1961 (Hektar): 2800, davon 1871 Wald (= 66.82 %)
  • Stadtflur 1890: 2821 ha, davon 1803 ha Wald, 200 ha Weinbaufläche, 459 ha Ackerland;

Einwohnerstatistik:

  • 1515: 258 Herdstellen
  • 1700: 128 Bürger und 28 Beisassen
  • 1820: 1942 Einwohner
  • 1885: 3125, davon 360 evangelisch (= 11.52 %), 2727 katholisch (= 87.26 %), 6 andere Christen (= 0.19 %), 31 Juden (= 0.99 %), 1 andere (= 0.03 %)
  • 1961: 7672, davon 1806 evangelisch (= 23.54 %), 5722 katholisch (= 74.58 %)
  • 1970: 8492

Diagramme:

Geisenheim: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 772: Rinechgowe
  • 1604: Kurfürstentum Mainz, Unteramt Geisenheim (zum Umfang s. Mittelpunktfunktion)
  • 1787: Kurfürstentum Mainz, Unteres Erzstift, Vicedomamt Rheingau, Amtskellerei Rüdesheim und Amtsvogtei Geisenheim
  • 1803: Nassau-Usingen, Vicedomamt Rheingau, Amtskellerei Rüdesheim
  • 1816: Herzogtum Nassau, Amt Rüdesheim
  • 1849: Herzogtum Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Herzogtum Nassau, Verwaltungsbezirk VIII (Kreisamt Rüdesheim)
  • 1854: Herzogtum Nassau, Amt Rüdesheim
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Rheingaukreis
  • 1968: Regierungsbezirk Darmstadt, Rheingaukreis
  • 1977: Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Rheingau-Taunus-Kreis

Altkreis:

Rheingaukreis

Gericht:

  • Seit 1200 Schultheiß und Schöffen des örtlichen Gerichts
  • 1816: Amt Rüdesheim
  • 1849: Justizamt Rüdesheim
  • 1854: Justiz- und Verwaltungsamt Rüdesheim
  • 1867: Amtsgericht Rüdesheim am Rhein

Herrschaft:

1864 Erhebung zur Stadt

Gemeindeentwicklung:

Zur Entwicklung der im Zuge der hessischen Gebietsreform neu gebildeten Stadtgemeinde s. Geisenheim, Stadtgemeinde

Sitz der Gemeindeverwaltung ist Geisenheim.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 772 schenkt der edle Geistliche Alwalah in Gegenwart König Karls des Großen dem Kloster Fulda unter Vorbehalt lebenslangen Nießbrauches u.a. Besitzungen im Rheingau im Dorf Geisenheim. 788 schenkten Matto und sein Bruder Megingoz für den Todesfall dem Kloster Fulda ebenfalls unter Vorbehalt des Nießbrauches zwei Drittel dessen, was ihr Vater Macco als Eigen besaß, u.a. im Dorf Geisenheim. Um 776-796, vielleicht 789/94 schenkte Egilolf zu seinem und seines Sohns Seelenheil dem Kloster Fulda ebenfalls Güter u.a. in Geisenheim. Nach der Hildesheimer Chronik soll Bischof Otwin von Hildesheim (954-984) einen Hof in Geisenheim zum Nutzen der Domherren erworben haben. Mit der Verleihung des Königsbannes und des Geleitsrechts vom Elsterbach bis vor Kaub durch Kaiser Otto II. 983 gingen die Fiskalgüter des Reiches und wohl auch Geisenheim an den Erzbischof von Mainz über. Erzbischof Adalbert (1110-1137) übergab einige Allodien, die er für Geld erwarb, dem Mainzer Domkapitel, u.a. auch Gut in Geisenheim. 1128 fügte er einer Schenkung an das Domkapitel u.a. 6 Fuder Wein aus Geisenheim hinzu. In einer Urkunde aus dem Jahr 1130 werden 8 erzstiftische Ministerialen aus Geisenheimals Zeugen genannt.
  • Unter den Gütern, die Erzbischof Ruthard von Mainz 1008 dem Kloster Disibodenberg schenkte, befand sich ein Weingarten bei Lorch, der Lehngut des Werner von Geisenheim war, und eine Hufe in Staudernheim, die Embricho von Geisenheim gehörte. 1408 erließ der Mainzer Erzbischof Johann II. eine Ordnung für Geisenheim.
  • Während die Besitzungen der Abtei Fulda und des Domstifts Hildesheim noch im Hochmittelalter verloren gingen, erhielt die Zisterzienserabtei Eberbach schon unter Erbzischof Markolf (1141-1142) einen Weinberg in Geisenheim, den es allerdings bereits um 1150 gegen ein Gut in Rheinhessen vertauschte. 1258 und 1263 kamen weitere Güter in Geisenheim an das Kloster, bevor ihm 1292 von Ritter Gisilbert von Rüdesheim und dessen Frau Elisabeth alle Güter des Ritters Siegfried von Hattenheim in Geisenheim übergeben wurden, womit das Kloster in den Besitz des Kapellenhofes im Westen des Ortes mit der Nikolauskapelle gelangte.

Zehntverhältnisse:

Der Zehnthof des Mainzer Domkapitel ging 1773 an den Grafen von Ostheim über.

Ortsadel:

1108: Werner von Geisenheim, Embricho von Geisenheim

Um 1770 werden 7 adlige Familien genannt

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • 1146: Kirche
  • 1215: Pleban
  • um 1440: Michaelskapelle

Patrozinien:

  • Kreuzerfindung

Patronat:

Das Patronatsrecht der wohl schon im 8. Jahrhundert errichteten Pfarrei ging 1146 von den Herren von Geisenheim auf das Mainzer Domkapitel über, 1803 bei Auflösung des Mainzer Kurstaates an den Herzog von Nassau.

Das Patronatsrecht der Michaelskapelle hatte er Junker von Scharfenstein 1481 inne.

Bekenntniswechsel:

Gegen reformatorische Versuche zur Zeit des Bauernkriegs schritt Kurmainz ein. Der Ort blieb katholisch.

Die evangelischen gehörten zunächst zur Pfarrei Rüdesheim, seit 1897 eigene Pfarrei.

Kirchliche Mittelbehörden:

Mainzer Archidiakonat St. Moritz in Mainz. Seit 1827 Bistum Limburg

Dekanat Wiesbaden-Land, seit 1934 Dekanat St. Goarshausen der Hessen-Nassauischen Landeskirche

Juden:

1437 erhält ein Jude Schutzbrief; 1446 leben 2, 1456 drei und 1477 ein Jude im Ort.

Der Ort nutzt den Mainzer Friedhof.

Kultur

Schulen:

Bereits 1478 wird eine Schule genannt, im 16. Jahrhundert erweitert. Es war eine Art Volksschule, verbunden mit einer Lateinschule. Die Gemeinde bestellte gemeinsam mit dem Pfarrer den Lehrer; die Obsorge für das Schulwesen lag in den Händen des Haingerichts (1549), doch wurde die gemeindliche Zuständigkeit Ende 18. Jahrhundert hinfällig. Unterrichtsbehörde waren der Ortspfarrer und (als Oberbehörde) das Vikariat Mainz, seit 1803 der (nassauische) Staat. Schulpflicht seit dem 17. Jahrhundert. 1751-69 bestand eine von den Englischen Fräulein geleitete Mädchenschule. Seit Mitte 19. Jahrhundert entwickelte sich Geisenheim zur Schulstadt des Rheingaues: Staatliche Oberschule für Jungen (seit 1845 Realprogymnasium, seit 1918 Reformrealgymnasium), eine staatliche Lehr- und Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau (seit 1872), eine Oberschule der Ursulinen für Mädchen (entwickelt aus der 1894 gegründeten Anstalt als Nachfolger einer Paritätschule 1857-94) und seit 1936 eine Kreisberufsschule.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

Zum Unteramt Geisenheim gehörten 1604 Rüdesheim, Eibingen, Assmannshausen und Aulhausen

Wirtschaft:

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bildete der Weinbau an den Rheingauhängen die wichtigste Wirtschaftsgrundlage mit Lagen von guten bis sehr guten Ertragswertklassen (Rotenberg, Morschberg, Kläuserweg). Weinbau 1128 erstmalig bezeugt, vermutlich jedoch bedeutend älter. Chronik der Weinmärkte von Geisenheim (bezeugt ab 1343) im Haingerichtsbuch (1543-1613); 2 Jahrmärkte (1661 und 1687 verliehen). Im Hebaufschen Haus (Bierhof) und im heutigen „Gasthaus zur Post" befanden sich Bierbrauereien, in jenem bis Mitt

Markt:

1144: Erwähnung des Marktplatzes

1343: Weinmärkte

1661: Verleihung eines Jahrmarktes

1687: Verleihung eines zweiten Jahrmarktes

Zoll:

In Geisenheim befand sich (belegt ab 1194/98 bis um 1700) ein Pfefferzoll für alle zu Berg und zu Tal fahrenden Schiffe, ein Reichslehen des Rheingrafen.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Geisenheim, Rheingau-Taunus-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/11005> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde