Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon

Übersichtskarte Hessen
Messtischblatt
5914 Eltville (Rhein)
Moderne Karten
Kartenangebot der Landesvermessung
Historische Karten
Herzogtum Nassau 1819 – 47. Eltville

Eltville am Rhein

Stadtteil · 90 m über NN
Gemeinde Eltville am Rhein, Rheingau-Taunus-Kreis 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Stadt

Lagebezug:

12,7 km südlich von Bad Schwalbach

Lage und Verkehrslage:

Siedlung mit unregelmäßiger Straßenführung im viereckigen Ortskern auf einem breiten Sporn der rechten mittleren Rheintalterrasse, die zwischen dem KiedrichTal im Südwesten und der Mulde der Sülz im Osten gegen den Strom abbricht.

Bei Eltville kreuzt sich eine Rheinuferstraße mit einer Straße über Kemel an die Lahn, die vor Einrichtung des Rheingauer Gebücks durch die Burg Scharfenstein bei Kiedrich gesichert war. Die alte Überfahrt über den Rhein war jedoch bei Niederwalluf. Seit 1856 liegt Eltville mit Güter- und Personenbahnhof (Schnellzugstation) an der rechtsrheinischen Hauptstrecke Wiesbaden-Rüdesheim-Niederlahnstein-Köln (ehemalige "Rheintalbahn") (Inbetriebnahme der Strecke 11.8.1856). Sehr stark ist besonders im Sommer der Durchgangsverkehr auf der Rheinuferstraße (Bundesstraße 42). Zur Bundesstraße 260, der bedeutendsten Querverbindung vom Rhein-Maingebiet zum westlichen Hintertaunus, führt eine Landstraße von Eltville nach Martinsthal. Der Betrieb einer 1895 (Inbetriebnahme der Strecke 20.6.1895) über Martinsthal nach Schlangenbad eingerichteten Schmalspurbahn wurde 1933 durch Omnibusverkehr abgelöst. Auch Rauenthal und Kiedrich sind durch Omnibuslinien mit Eltville verbunden. Eltville ist Anlegeplatz der Köln-Düsseldorfer und der Niederländer Dampfschifffahrtsgesellschaft.

Ersterwähnung:

1060-1084

Siedlungsentwicklung:

Besiedlung schon in römische Zeit (Spuren eines Landhauses). Ein fränkisches Reihengräberfeld westlich von Eltville beim Hof Drais. Eltville entstand neben einem zu erschließenden fränkischen Königshof, der schon unter Bardo (1031-51) dem Erzstift Mainz gehört; 1128 als curia, 1130 und 1151 als curtis des Erzbischofs erwähnt, 1324 als der Oberste Hof" (des Rheingaus). Die Pfarrkirche bestand vermutlich bereits schon unter Erzbischof Friedrich (937-54). Anlass der Stadtgründung wurde die Erbauung der neuen e

Historische Namensformen:

Bezeichnung der Siedlung:

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Burgen und Befestigungen:

  • Die Stelle unmittelbar am Rhein am südlichen Ortsrand von Eltville war seit dem frühen Mittelalter befestigt. Die Burg wurde bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts nachweislich mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Auf den Trümmern begann Erzbischof Balduin von Trier ab 1330 mit dem Wiederaufbau, ab 1345 war die Burg bewohnbar und wurde als Residenz genutzt. 1635 Zerstörung durch die Schweden.
  • Das Dorf Eltville wird schon 1313 mit Mauern versehen. 1332 wurde das Befestigungsrecht erteilt. Burg und Stadtmauer wurden verbunden und waren 1345/47 fertiggestellt.

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3437087, 5543555
UTM: 32 U 437037 5541778
WGS84: 50.0249743° N, 8.120991738° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

439003010

Flächennutzungsstatistik:

  • 1885 (Hektar): 1828, davon 406 Acker (= 22.21 %), 46 Wiesen (= 2.52 %), 977 Holzungen (= 53.45 %)
  • 1961 (Hektar): 1777, davon 837 Wald (= 47.10 %)
  • Gemarkung 1780: etwa 2300 Morgen; 1828: 6641 Morgen (davon Gebäude 26, Gärten 38, Acker 1728, Wiese 182, Weinberge 674, Waldungen 3769, Drieschland und Weiden 6, steriles Land und Wege 218). 1928: 1826 ha; 1950: 1780 ha. Eltville war der alte Mittelpunkt des Oberamtswaldes und hatte zugleich Anteil am rheingauischen Hinterlandswald. Aus diesen Markwaldungen erhielt es bei der Aufteilung des ersteren (1810) 1549 Morgen, bei der Aufteilung des letzteren (1822/23) 609 Morgen. Die Stadtflur erstreckt sich dadurch nordwestlich in schmalem Streifen bis auf den Taunuskamm. In der Gemarkung liegen der Steinheimer Hof und der Hof Drais, beide seit dem 12. Jahrhundert Wirtschaftshöfe (Weinlager) des Klosters Eberbach, seit Anfang 19. Jahrhundert in Privatbesitz.

Einwohnerstatistik:

  • 1525: 263 Herdstellen
  • 1660: 99 Bürger, 9 Witwen, 9 Beisassen
  • 1680: 149 Bürger, 5 Witwen, 11 Beisassen
  • 1720: 830 Einwohner
  • 1740: 1040 Einwohner (177 Bürger, 43 Beisassen)
  • 1770: 1117 Einwohner (179 Bürger, 54 Beisassen)
  • 1817: 1636 Einwohner
  • 1830: 2037
  • 1850: 2190 (507 Familien)
  • 1885: 3340, davon 443 evangelisch (= 13.26 %), 2844 katholisch (= 85.15 %), 2 andere Christen (= 0.06 %), 51 Juden (= 1.53 %)
  • 1900: 3688 (999 Familien)
  • 1925:4137
  • 1933:4340
  • 1961: 7372, davon 2031 evangelisch (= 27.55 %), 5195 katholisch (= 70.47 %)
  • 1970: 6875

Diagramme:

Eltville am Rhein: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 1604: Kurfürstentum Mainz, Oberamt Eltville (zum Umfang s. Mittelpunktfunktion)
  • 1787: Kurfürstentum Mainz, Unteres Erzstift, Vizedomamt Rheingau, Amtskellerei Eltville und Amtsvogtei Erbach
  • 1803: Nassau-Usingen, Vicedomamt Rheingau, Amtskellerei Eltville
  • 1816: Herzogtum Nassau, Amt Eltville
  • 1849: Herzogtum Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Herzogtum Nassau, Verwaltungsbezirk VIII (Kreisamt Rüdesheim)
  • 1854: Herzogtum Nassau, Amt Eltville
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Rheingaukreis
  • 1968: Regierungsbezirk Darmstadt, Rheingaukreis
  • 1977: Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Rheingau-Taunus-Kreis

Altkreis:

Rheingaukreis

Gericht:

  • Das Gericht bestand aus dem Schultheißen (zuerst Ende 12. Jahrhundert) und 14 Schöffen (zuerst 1227, im 17. Jahrhundert: 7). Den Schultheißen ernannte oder bestätigte die Regierung auf Vorschlag der Gemeinde, die Schöffen ergänzten sich selbst. Zum Gerichtsbezirk gehörten Ober- und Niederwalluf sowie Neuendorf. Das Gericht in Eltville war unter Beisitz des Vitztums und von 2 Adligen zugleich Oberhof für die Gemeinden des Rheingaus und einige Orte links des Rheins, bezeugt 1383-1515, bis 1534 alle Oberhöfe im Kurfürstentum aufgehoben wurden. 1770 ging die Gerichtsbarkeit bis auf geringe Reste auf die neuen Amtsvögte (in Erbach und Geisenheim) über. 2. Instanz war bis dahin das Vitztumsamt, seitdem der Amtskeller in Eltville.
  • Im Haingericht (aufgehoben 1808) lebte die alte Markgenossenschaft weiter, es hatte verwaltende und richterliche Befugnisse, war besonders zuständig für „Wald, Wasser, Weide, Weg und Steg". Das Eltviller Partikular-Haingericht sollte nach der Gemeindeordnung von 1407 aus je l Adligen und Bürger bestehen, es setzte sich aber aus je einem Schöffen und Ratsmitglied zusammen. In Eltville hatte auch das Generalhaingericht für den Hinterlandswald des gesamten Rheingaus seinen Sitz (1772). Haingerichtsordnungen 1407-1772. - Weistum über die rheingauische Verfassung 14. Jahrhundert. Landesordnungen für den Rheingau 1527, 1579, 1755, 1770. Kodifikation des Privatrechts 1643. Untergerichtsordnungen 1534, 1755.
  • Bis 1885 Sitz eines Justizamtes
  • 1816: Amt Eltville
  • 1849: Justizamt Eltville
  • 1854: Justiz- und Verwaltungsamt Eltville
  • 1867: Amtsgericht Eltville
  • 1943: Amtsgericht Rüdesheim (Zweigstelle Eltville)
  • 1949: Amtsgericht Eltville

Herrschaft:

1332 Stadtrechtsverleihung durch Ludwig den Bayern (Gudenus, Codex diplomaticus sive anecdotorum 3, Nr. 204, S. 281. Eltville am Rhein 1332-1982, S. 7)

Gemeindeentwicklung:

Zur Entwicklung der im Zuge der hessischen Gebietsreform neu gebildeten Stadtgemeinde s. Eltville am Rhein, Stadtgemeinde. Sitz der Gemeindeverwaltung ist Eltville am Rhein.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 937-54 schenkte der Erzbischof Friedrich von Mainz die Kirche mit dem Patronat und dem Zehnten dem St. Petersstift in Mainz. Das schon 1313 befestigte Dorf wurde nach der Stadterhebung und mit dem Bau der Burg bis zur zweiten Hälfte Residenzsitz der Erzbischöfe von Mainz. Zahlreiche Adelshöfe in der Stadt, so der Hof der Langwerth von Simmern (Mitte des 16. Jahrhunderts) und die Burg Craß aus romaischer Zeit. Die Grafen von Eltz saßen seit 1629 in Eltville. In ihrem Hof sind die Häuser des Mainzer Viktor- Peterstifts aufgegangen.

Zehntverhältnisse:

937-54 schenkte der Erzbischof von Mainz die Kirche mit dem Patronat und dem Zehnten dem St. Petersstift in Mainz.

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • ecclesia (1060-1084)
  • 1312 Nikolauskapelle geweiht, 1329 mit eigenem Geistlichen

Patrozinien:

  • Petrus und Paulus.

Pfarrzugehörigkeit:

1729 gehören der Hof Drais und einige Mühlen zum Kirchspiel. Erbach, Hattenheim, Kiedrich, Neudorf (Martinsthal), Nieder- und Oberwalluf, Rauenthal und Steinheim waren Tochterpfarreien.

Patronat:

937-54 schenkte der Erzbischof von Mainz die Kirche mit dem Patronat dem St. Petersstift in Mainz. 1438 wurde die Pfarrei dem Mainzer Petersstift inkorporiert.

Klöster:

  • 1281 Beginen

Bekenntniswechsel:

Evangelische Regung 1525 im Bauernkrieg unterdrückt. Die Reformation konnte sich im Erzbistum Mainz nicht durchsetzen. Der Ort blieb katholisch.

Im Juli 1632 wird unter schwedischer Herrschaft kurzzeitig ein lutherischer Pfarrer angestellt.

Kirchliche Mittelbehörden:

Mainzer Archidiakonat St. Moritz in Mainz

Juden:

1342/ 1354 (?) Ersterwähnung von Juden.

Synagoge 1832

Kultur

Schulen:

Schule zu Eltville zuerst in der Gemeindeordnung Mitte 16. Jahrhundert genannt. Die frühesten Statuten des Landkapitels im Rheingau, die 1657 abgefasst sind, aber vielleicht auch hierin ältere Zustände spiegeln, enthalten auch Bestimmungen über die Lehrer. Gebäude der 1. (Gutenberg-) Volksschule 1862, erweitert 1873, Umbau 1939; 2. Volksschule 1886/87, benannt nach dem für das Schulwesen sehr tätigen Pfarrer Schutt; 3. Volksschule 1951. Neubau einer 12klassigen Volksschule im Gange. Schüler 1860: 352; 1900: 421; 1950: 862. Mittelschule, 1860 als Lateinschule der Pfarrei gegründet, 1923 städtische und mit der seit 1877 bestehenden katholischen höheren Mädchenschule vereinigt, 1939 in paritätische Mittelschule umgestaltet. Winzerschule 1923. Seit 1908 vorübergehend katholisches Lehrerinnenseminar.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

Das Gericht in Eltville war 1324-1515 Oberhof für die Gemeinden des Rheingaus. Eltville war von Anfang des 14. Jahrhunderts bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts Residenzsitz der Mainzer Erzbischöfe.

1604 umfasste das Oberamt Eltville neben Eltville Kiedrich, Hattenheim, Erbach, Rauenthal, Neuendorf, Ober- und Niederwalluf, Frauenstein und Budenheim.

Wirtschaft:

Von jeher gründete sich die Wirtschaft Eltvilles auf den Weinbau und dessen Absatz. Hinzu traten im 19. Jahrhundert die Sektindustrie, der Obst- und Gemüsebau und neuerdings die Elektroindustrie. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts ist ein Weinmarkt erwähnt. Im Ertrag stehende Rebfläche 1931: 154 ha; 1950: 144 ha Weiß-, 1 ha Rotwein. Bekannteste Lagen: Sonnenberg, Taubenberg, Langenstück, Kalbspflicht. In Eltville befand sich einer der drei landesherrlichen Kräne des Rheingaus, die vor allem der Weinverladung dienten. Die Handwerker waren in den Zünften des Oberamts Eltville organisiert. Die Gebrüder Bechtermünze aus Mainz unterhielten 1467-76 in Eltville eine Druckerei.

1699 4 Zünfte; 8 Bäcker, 4 Gastwirte, 4 Schmiede, 3 Schlosser, 16 Fassbinder und Branntweinbrenner. 1828 in 40 Berufen bei 447 Haushalten 159 Gewerbetreibende. Die Löherstraße deutet auf frühere Bedeutung der Gerberei. 1650 und 1693/94 scheiterte die Wiederaufrichtung des Wochenmarktes am Widerspruch von Bingen und Mainz; der Erzbischof begünstigte dessen Stapelrecht und verhindert so die städtische Entwicklung Eltvilles. Ende 18. Jahrhundert 2 wöchentliche Speisemärkte, um 1900 einziger Ort des Rheingaues mit Wochenmarkt. Jahrmarkt 1578, Ende 17. Jahrhundert 3, darunter der Kappesmarkt Sonntag nach Martini.

4 große Sektkellereien: Matheus Müller KG (gegründet 1838, 200 Beschäftigte, Keller für 15 Millionen Flaschen); Schloß Vaux, (gegründet 1868); Mumm & Co.; Gebrüder Hoehl GmbH (gegründet 1868); ferner 9 Weingüter, Kellereien und Weinhandlungen, staatliche Weinbaudomäne (1911).

Rheingauer Beobachter, amtliches Organ der Stadt, bei A. Borge, ab 1868, 1932-36 als Eltviller Zeitung. Rheingauer Bürgerfreund, Eltviller Anzeiger, Kreisblatt für den östlichen Teil des Rheingaus, 1849-1941. Mittelstandszeitung 1607-09. Nassauische Bürgerzeitung 1912-14. Eltviller Nachrichten, 1912-21. Rheinische Volkszeitung 1895-1901, in Oestrich und Eltville ge¬druckt seitdem bis 1937 in Wiesbaden gedruckt (Fortsetzung des Wiesbadener Volksblattes).

Mühlen:

Im 16. Jahrhundert besitzt Eltville drei Getreidemühlen, von denen eine, das spätere Pfründnerhaus außerhalb der Stadtmauer lag. Diese gehörte der Herrschaft (Herrenmühle). Im 18. Jahrhundert kamen zwei weitere Getreidemühlen hinzu.

Markt:

1332 Verleihung eines Wochenmarktes

1347 Verleihung eines Wochenmarktes durch den Mainzer Erzbischof

1578 Jahrmarkt

Münze:

Die innerpolitischen Verhältnisse im Erzstift Mainz veranlassten den Coadjutor des Erzbischofs Gerlach von Nassau (1346-71), Kuno von Falkenstein (1346-53), im Jahre 1349 zur Errichtung einer Münzstätte in Eltville. Neben Goldgulden und Groschenmünze sind auch Pfennige aus dieser Münzstätte nachzuweisen. Schon 1365 wurde die Münzstätte nach dem günstiger gelegenen Bingen verlegt. Von 1354 ab war sie dem Johann von Wesemal auf 7 Jahre verliehen.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Eltville am Rhein, Rheingau-Taunus-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/10917> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde