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Topografie des Nationalsozialismus in Hessen

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Weilmünster, Heil- und Pflegeanstalt

Weilmünster, Gemeinde Weilmünster, Landkreis Limburg-Weilburg | Historisches Ortslexikon
Klassifikation | Nutzungsgeschichte | Indizes | Nachweise | Abbildungen | Zitierweise
Klassifikation

Kategorie:

Verfolgung

Subkategorie:

Euthanasie 

Nutzungsgeschichte

Beschreibung:

In der 1933 eingerichteten Heil- und Pflegeanstalt wurden zwischen 1934 und 1939 278 Personen, die gemäß der nationalsozialistischen Rassenlehre als "minderwertig" galten, zwangssterilisiert. Die Anstalt war auch an der Durchführung von Tötungen einiger Patienten beteiligt. Diese waren sie in Meldebögen erfasst und aufgrund der darin gemachten Angaben selektiert worden. Unter ihnen befanden sich auch Juden, die deportiert und getötet wurden. Zudem wurden auch Kinder in diesem Jahr zwischen April und Juni von Weilmünster nach Hadamar verlegt und dort anschließend getötet. Der Transport der Menschen erfolgte in Bussen der "Gemeinnützigen Krankentransport-Gesellschaft" (Gekrat).

Von Weilmünster aus fanden mindestens 16 Zwangsarbeiter in Hadamar den Tod. Sie waren zwischen Mai und Oktober 1944 an die Tötungsanstalt überstellt worden. Viele der Weilmünsteraner Patienten verstarben aufgrund der schlechten Lebensbedigungen in der Anstalt. So erhielten die Patienten keine ausreichende Nahrung und mussten unter schlechten hygienischen Verhältnissen leben. Rund 6.000 Menschen, die zwischen 1940 und 1945 in Weilmünster untergebracht waren, starben entweder noch in Weilmünster, oder wurden in Hadamar gezielt getötet. Viele Todesfälle in Weilmünster wurden durch Aushungern der Patienten herbeigeführt. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen lag die Todesrate der Anstalt zeitweilig zwischen 43 und 50%. Diese hohe Sterblichkeit war eine der höchsten im Vergleich zu ähnlichen Einrichtungen im Reich.

Das in Weilmünster eingesetzte Personal bestand in der Mehrheit aus "Alten Kämpfern" der Partei, die über keine Pflegeausbildung verfügten, oder zum Dienst in der Anstalt abgeschoben worden waren. Die in der Anstalt beschäftigten Ärzte waren durchweg Parteimitglieder.

Weilmünster war seit 1941 eine der Zwischenanstalten von Hadamar. Das Personal erhielt Prämien für die Zusatzarbeit, die bei der Verlegung der Patienten nach Hadamar angefallen war.

Nutzungsanfang (früheste Erwähnung):

1934

Nutzungsende (späteste Erwähnung):

1945

Weitere Nutzungen des Objekts:

Nutzung vor NS-Zeit:

Vor 1933 war die Einrichtung ein Kindersanatorium gewesen. Erst 1933 war hier die Landesheil- und Pflegeanstalt eingerichtet worden.

Nutzung nach NS-Zeit:

Von 1946 bis 1963 war ein Kindersanatorium sowie eine Heilanstalt dort untergebracht. Heute ist ein psychiatrisches Krankenhaus dort eingerichtet.

Indizes

Orte:

Weilmünster

Sachbegriffe:

Euthanasie · Gesundheitswesen · Verfolgung

Nachweise

Literatur:

Gedruckte Quellen:

Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage der Fraktion Bündnis 90 - Die Grünen betreffend Verfolgung und Vernichtung durch das NS-Regime in Hessen, S. 8

Zitierweise
„Weilmünster, Heil- und Pflegeanstalt“, in: Topographie des Nationalsozialismus in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/nstopo/id/95> (Stand: 18.2.2011)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde