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Frankfurt am Main, KZ-Außenlager „Katzbach“, Adlerwerke (Gebäudeteil von Werk I)


Weilburger Straße 22 – In der NS-Zeit: Kleyerstraße
Klassifikation | Nutzungsgeschichte | Indizes | Nachweise | Abbildungen | Zitierweise
Klassifikation

Kategorie:

Verfolgung

Subkategorie:

Konzentrationslager 

Nutzungsgeschichte

Objektbeschreibung:

Die KZ-Häftlinge waren in einem Flügel von Werk I der Adlerwerke untergebracht (heute Weilburger Straße 22) und wurden in deren Produktion eingesetzt.

Beschreibung:

Zwischen dem 22. August 1944 und dem 23. März 1945 bestand das KZ-Adlerwerke, Deckname "Katzbach", auf dem Gelände der Frankfurter Adlerwerke (Werk I). Das KZ-Katzbach war ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof im Elsaß.

Nach der schweren Zerstörung des Adlerwerkes am 22. März 1944 durch einen Luftangriff auf die Stadt und wegen des Versiegens des Zustroms an ausländischen Zwangsarbeitern im Zuge der drohenden Kriegsniederlage ersuchte die Leitung der Adlerwerke die SS um den Einsatz von KZ-Häftlingen in ihrem Betrieb. Durch den Einsatz von Häftlingen sollte die Produktion aufrechterhalten werden.

Die Häftlinge sollten im Werk Ersatzteile für Panzer und Kraftfahrzeuge herstellen.

Am 22. August 1944 wurde das Konzentrationslager in einem Gebäudeflügel des Werkes I eröffnet. Ein aus dem KZ Buchenwald entsandtes Häftlingsbaukommando hatte es errichtet. Währenddessen reisten Vertreter der Adlerwerke in verschiedene Konzentrationslager, um geeignete Häftlinge für die Arbeit in ihren Werken zu finden. Am 29. September 1944 trafen 1.000 polnische KZ-Häftlinge aus Dachau in Frankfurt ein. Diese waren nach dem Warschauer Aufstand im KZ Dachau inhaftiert worden. 25 SS-Männer und eine aus SA-Mitgliedern bestehende betriebseigene Truppe der Adlerwerke fungierten als Wachmannschaft. Für die Insassen war der Alltag von langen Arbeitstagen, schlechter Ernährung und katastrophalen hygienischen Bedingungen geprägt. Das Lager war zeitweise überbelegt, Sabotageverdacht und andere Ordnungsverstöße konnten schärfste Strafen nach sich ziehen. So wurden fünf Häftlinge erschossen, und es fanden zwei Hinrichtungen statt.

Das KZ-Katzbach wies unter allen Fabrikkommandos des KZ-Natzweiler-Struthof die höchste Sterblichkeitsrate auf. So wurden in den sieben Monaten 528 Todesfälle (bei 1.600 Häftlingen) in "Katzbach" dokumentiert. Nicht nur die gefährliche Arbeit, die ohne eine ausreichende Schutzkleidung durchgeführt werden musste, sondern auch die unmenschlichen Lagerbedingungen (unzureichende Unterbringung und Verpflegung) führten bei den durch vorherigen KZ-Aufenthalt geschwächten Menschen häufig zum Tod. Aufgrund der vielen Todesfälle mussten immer wieder neue Häftlinge aus Buchenwald, Dachau und Neuengamme nach Frankfurt gebracht werden, damit die Produktion im Werk aufrechterhalten werden konnte. Häftlinge, die aufgrund ihrer körperlichen Verfassung nicht mehr arbeiten konnten, wurden in das „Sterbelager“ Vaihingen bzw. nach Dachau überstellt.

Im März 1945 drangen alliierte Truppen weiter in Richtung Frankfurt vor. Die SS führte die Räumung des Lagers durch. Mitte März wurden ca. 500 kranke und marschunfähige Häftlinge in Waggons nach Bergen-Belsen transportiert. Diesen Transport überlebten nur 8 Personen. Am 24. März 1945 befahl die SS die Verlegung der restlichen Häftlinge nach Buchenwald. Viele überlebten diesen „Todesmarsch“ nicht.

Bemerkungen:

Die Adlerwerke waren damals der zweitgrößte Frankfurter Industriebetrieb und im Deutschen Reich der viertgrößte Hersteller von Personenkraftwagen. Während des Zweiten Weltkrieges war die Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt worden. So stellten die Adlerwerke für die Wehrmacht den wichtigsten Lieferanten von Schützenpanzern dar.

Nutzungsanfang (früheste Erwähnung):

22.8.1944

Nutzungsende (späteste Erwähnung):

23.-25.3.1945

Nutzung vor NS-Zeit:

Die Adlerwerke wurden 1889 als Heinrich Kleyer AG gegründet. Zunächst stellte der Betrieb Kraftfahrzeuge für den zivilen Gebrauch her. Im Ersten Weltkrieg lieferten die Werke auch Fahrzeuge an das Heer aus. Einer ihrer Hauptaktionäre war die Dresdner Bank. 1933 wurden jüdische Mitglieder aus dem Aufsichtsrat entfernt. Der „arisierte“ Betrieb stieg im Zweiten Weltkrieg zu einem der führenden Schützenpanzerherstellern auf.

Nutzung nach NS-Zeit:

Heute befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Adlerwerke der „Galluspark“, ein Dienstleistungszentrum mit Wohnanlage.

Indizes

Orte:

Frankfurt am Main

Sachbegriffe:

Konzentrationslager · Außenkommando · Verfolgung · Wirtschaft

Nachweise

Literatur:

Gedruckte Quellen:

NS-Lager in Hessen: Auszug aus dem Protokoll der Landtagsdebatte am 28. Februar 1985, S. 14

Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage der Fraktion Bündnis 90 - Die Grünen betreffend Verfolgung und Vernichtung durch das NS-Regime in Hessen, S. 14; Anlage 1, S. 9

Weblinks:

Adlerwerke

Frankfurt am Main 1933-1945

Zitierweise
„Frankfurt am Main, KZ-Außenlager „Katzbach“, Adlerwerke (Gebäudeteil von Werk I)“, in: Topographie des Nationalsozialismus in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/nstopo/id/1263> (Stand: 2.12.2015)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde