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Rodgau, Justizstrafgefangenenlager „Lager Rollwald“, Stammlager II

Rodgau, Gemeinde Rodgau, Landkreis Offenbach | Historisches Ortslexikon
Am Kreuzberg
Klassifikation | Nutzungsgeschichte | Indizes | Nachweise | Abbildungen | Zitierweise
Klassifikation

Kategorie:

Justiz

Subkategorie:

Strafanstalt

Nutzungsgeschichte

Objektbeschreibung:

Das Strafgefangenenlager Rollwald gehörte zur Justizstrafanstalt Dieburg. In diesem Lager wurden Gegner des NS-Regimes inhaftiert und zur Zwangsarbeit eingesetzt. In dem umzäunten und von sechs Wachtürmen umgebenen Lager wurden 24 Holzbaracken errichtet; in 15 dieser Baracken sollten je 100 Häftlinge untergebracht werden. In den restlichen neun Baracken waren die Häftlingsküche, der Krankenbau, das Wachpersonal und die Verwaltung untergebracht. Zudem gab es einen steinernen Strafblock mit Einzelzellen.

Beschreibung:

Gefangene des Strafgefangenenlager I hatten während ihrer Haft die Baracken für das Lager zu zimmern und in Nieder-Roden zu errichten. Damit war das Lager Rollwald entstanden. Die offizielle Bezeichnung lautete Stammlager II Nieder-Roden/Rollwald. Unterstellt war es dem Reichsjustizministerium, nicht der SS. Entscheidend für die Ansiedlung des Lagers war das umfangreiche Programm einer Flurbereinigung und Regulierungsarbeiten an den Flüssen, die Anlage landwirtschaftlicher Versuchsgüter und der Bau eines „Erbhöfedorfes“ zwischen Ober- und Nieder-Roden. Am 22. Juni 1938 nahm das Lager mit zunächst 500 Gefangenen seinen Betrieb auf. Rund vier Jahre später, am 14. Mai 1942, waren in dem Lager bereits 2.850 Gefangene untergebracht. In der Zeit nach dem Kriegsausbruch wurden auch in diesem Lager vermehrt Ausländer, sogenannte Kriegstäter, inhaftiert.

Am 30. März 1942 wurde im Gefangenenlager Rodgau der Einsatz der Häftlinge in der Rüstungsindustrie beraten. Dieser Ansatz ging mit der Zielsetzung der Anstalt konform, da es sich bei ihr nicht um ein Strafanstalt im herkömmlichen Sinne handele. Vielmehr war die Zielsetzung von Beginn an gewesen, die Häftlinge als Arbeitskräfte anzusehen. Daher wurden nur Personen, die arbeitsfähig waren, in Rodgau interniert. Die Folge war, dass seit 1942 die in den Lagern Rodgau inhaftierten Personen zunehmend an Betriebe der Rüstungsindustrie „verliehen“ wurden. 120 Justizgefangene des Lagers, die vermutlich polnischer Herkunft waren, waren zwischen 1942 und 1945 der Organisation Todt unterstellt und wurden zur Zwangsarbeit eingesetzt, die sie auf dem Flugplatz Lorsch verrichteten. Neben „Kriminellen“ wurden auch politische Gegner in Rollwald inhaftiert. Zudem waren viele der Häftlinge allein aufgrund der willkürlich agierenden NS-Justiz in „Rollwald“ inhaftiert, die u. a. Homosexualität („Abartigkeit“), „Heimtücke“, das Abhören von Feindsendern mit Lagerhaft bestrafte. Nach der Zerstörung Darmstadts in der Nacht auf den 12. September 1944 wurden viele Gefangene des Lagers zur Bergung der Leichen sowie zu Lösch- und Aufräumarbeiten in der Stadt eingesetzt. Dem Lager gehörten insgesamt 21 Außenlager an. Arbeitskommandos des Lagers waren in den Regionen um Darmstadt, Dieburg und Offenbach im Einsatz.

Eine unzureichende Ernährung, die Unterbringung in Baracken, Quälereien durch Lagerpersonal sowie brutale Bestrafung von Regelverstößen bestimmten den Alltag der Zwangsarbeiter. Damit einher gingen Krankheiten und gegen Kriegsende ein Anstieg der Sterblichkeitsrate. Laut Standesamt Rodgau starben zwischen 1938 und 1945 insgesamt 156 Häftlinge.

Am 26. März 1945 wurde das Lager von der US-Armee befreit. Zu diesem Zeitpunkt war es mit 2.500 ausländischen Kriegsgefangenen und einer unbekannten Anzahl an Strafgefangenenn belegt.

Nutzungsanfang (früheste Erwähnung):

22.6.1938

Nutzungsende (späteste Erwähnung):

26.3.1945

Nutzung nach NS-Zeit:

Insgesamt erstreckte sich der Lagerkomplex wie folgt und wird heute als reguläres Wohngebiet genutzt: "Der Haupteingang befand sich in der Höhe der Straße Am Kreuzberg. Rechter Hand lag die Kommandantur: Die Verwaltungsbaracke reichte von der heutigen Rhönstraße bis zur Straße Am Mühlfeldchen. Links vom Lagereingang, also in westlicher Richtung parallel zum Sicherungszaun, befand sich das Arresthaus, heute: Gastwirtschaft Alt Athen- Die Steinhäuser Rhönstr.15-19, wurden von Gefangenen als Wohnungen für die Wachmannschaften, die Vollzugsbeamten und deren Familien gebaut. Trotz Umbauten in der Nachkriegszeit kann man in der Rhönstraße (Hausnummer 2-20), in der Isarstraße (Hausnummern 1,4-8) und in der Straße Am Rollwald (Hausnummern 35-55) diesen Haustyp noch erkennen. Auffallend sind die winzigen Küchen- und Flurfenster.[...] [Krause-Schmitt, Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Band 1, S. 286]

Unmittelbar nach dem Krieg wurden in dem Lager deutsche Kriegsgefangene inhaftiert. Bis 1949 war in diesem Lager daneben das amerikanische Prisoner of War Information Bureau und somit die Kartei über die 5 Millionen deutsche Kriegsgefangene sowie die Kriegsverbrecherkartei untergebracht.

Indizes

Orte:

Rodgau

Sachbegriffe:

Strafanstalt · Justiz · Verfolgung

Nachweise

Literatur:

Weblinks:

Lager Rollwald

Abbildungen

Abbildungen:

Zitierweise
„Rodgau, Justizstrafgefangenenlager „Lager Rollwald“, Stammlager II“, in: Topographie des Nationalsozialismus in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/nstopo/id/1077> (Stand: 4.12.2015)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde