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Walter Leisler Kiep entgeht einem Attentat, 30. November 1974

Der Bundesschatzmeister der CDU, Walther Leisler Kiep (1926–2016), entgeht auf seinem Grundstück in Kronberg mit knapper Not einem Attentat.

Der Versicherungskaufmann, seit 1965 Mitglied des Deutschen Bundestags, und seit 1971 Schatzmeister der Union, hatte ihn den vorangegangenen Wochen wiederholt anonyme Drohungen erhalten. Nun bemerkt Kiep beim Verlassen seiner Privatsauna unweit seiner Villa im Kronberger Philosophenweg gegen 19 Uhr eine ihm verdächtig erscheinende Gestalt. Die Gefahr ahnend, zieht sich er sich unverzüglich wieder in die Sauna zurück, wirft sich auf den Boden und entgeht so drei Pistolenschüssen, die auf die Tür des Schwitzbads abgefeuert werden. Unverletzt verständigt Kiep über eine in der Sauna installierte Alarmanlage die Kronberger Polizei, die eine Großfahndung nach dem flüchtigen Täter auslöst.

Kiep, der den mutmaßlichen Täter nur aus der Entfernung kurz beobachten konnte, beschreibt den Mann als etwa 1,80 Meter groß. Er habe einen dunklen Mantel getragen.

Die Ermittlungen bleiben in der Folge ergebnislos. Nach Angaben der Polizei erreicht am darauffolgenden Sonntagmorgen ein Hinweis die Deutsche Presse-Agentur, die Rote Armee Fraktion (RAF) »übernehme die Verantwortung« für den Anschlag. Gleichzeitig bezweifelt ein Polizeisprecher aber, dass der eingegangene Hinweis tatsächlich von der RAF stammt.

Kurze Zeit nach dem Anschlag werden Vermutungen geäußert, Walter Kiep, dem in Bonner Kreisen selbst Parteifreunde nachsagen, »Scherereien und Schlagzeilen immer wieder absichtsvoll in kausale Zusammenhänge zu bringen«1 habe das Attentat inszeniert oder versucht, die Eskalation eines privaten Eifersuchtsdramas »trendgerecht als Terror-Anschlag zu verkaufen«.2

Walther Leisler Kiep ist während seiner Zeit als Bundesschatzmeister der CDU in einen Spendenskandal verwickelt, bei dem er in mehreren Fällen spendenbereite Unternehmer zur Steuerhinterziehung angestiftet haben soll. 1990 wird Kiep in Düsseldorf deswegen angeklagt und verurteilt, das Urteil aber zwei Jahre später vom Bundesgerichtshof wegen Rechts- und Verfahrensmängeln wieder aufgehoben. In den 1990er Jahren ist er eine zentrale Figur in der Affäre um »schwarze Konten« und illegale Parteispenden bei der CDU.
(KU)


  1. DER SPIEGEL 7/1975, 10.2.1975, S. 33 f.: Mann mit allerlei Extras (Stand: 30.11.2016).
  2. Ebd.
Belege
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.12.1974, S. 1: Motive des Attentats auf Kiep noch unklar: Anruf: Täter gehört zur Rote Armee Fraktion / Drei Schüsse / CDU-Bundesschatzmeister unverletzt
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.12.1974, S. 27: Die Kronberger Polizei war schon nach drei Minuten da: Nach dem Attentatsversuch Blumen für Walther Leisler Kiep / Seine Frau: »Geldraub ausgeschlossen«
Weiterführende Informationen
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.1974, S. 30: Nach dem Schock die totale Abschirmung: Im Leben der Kieps hat sich seit dem Attentatsversuch vieles verändert / Von Heinz Stadlmann
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.12.1974, S. 2: Bonn von dem Kiep-Attentat verunsichert: Zurückhaltung bei Spekulationen über die Hintergründe
Empfohlene Zitierweise
„Walter Leisler Kiep entgeht einem Attentat, 30. November 1974“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/1349> (Stand: 17.10.2018)
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