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Hessische Biografie

Portrait

Wilhelm VIII. Landgraf von Hessen-Kassel
(1682–1760)

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Hessen-Kassel, Wilhelm VIII. Landgraf von [ID = 6350]

* 10.3.1682 Kassel, † 1.2.1760 Rinteln, evangelisch-reformiert
Landgraf
Andere Namen | Wirken | Familie | Nachweise | Leben | Zitierweise
Wirken

Werdegang:

  • 1730 Statthalter in Hessen-Kassel
  • folgt 1751 als Landgraf
Familie

Vater:

Hessen-Kassel, Karl Landgraf von, 1654–1730, regiert unter Vormundschaft 1670, selbständig 1677 als Landgraf von Hessen-Kassel

Mutter:

Kurland, Marie Amalia Herzogin von, 1653–1711

Partner:

Verwandte:

Nachweise

Literatur:

Bildquelle:

Johann Heinrich Tischbein creator QS:P170,Q213789, Tischbein Landgraf Wilhelm VIII von Hessen, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons (beschnitten)

Leben

Wie seine Brüder schlug auch Wilhelm zunächst die militärische Laufbahn ein. Auf die übliche Prinzenerziehung und ein Studienjahr in Genf (gemeinsam mit Bruder Karl) folgte die Kavalierstour durch Frankreich und die Niederlande. 1699 nahm ihn der Patenonkel Wilhelm III. von Oranien, Statthalter der Niederlande und König von England, in seine Dienste, und Wilhelm begleitete ihn auf einer Fahrt nach England. Nach der Rückkehr in die Niederlande im Folgejahr wurde er Kommandeur eines Reiterregiments. Das niederländische Militär bestimmte die nächsten drei Lebensjahrzehnte. 1701 übernahm er das bisherige Regiment des Bruders Karl; 1704 wurde er Generalmajor der niederländischen Kavallerie und im Jahr darauf Inhaber des bis dahin von Bruder Ludwig befehligten hessisch-niederländischen Regiments zu Fuß. Nach mutigem Einsatz in der Schlacht von Malplaquet erfolgte 1709 die Beförderung zum Generalleutnant. Wichtige Kommandostellen versah er 1713 als Gouverneur der Grenzfestung Breda und 1723 in Maastricht. Den Zenit seiner Militärlaufbahn erreichte Wilhelm 1727 als Commandant en chef aller hessischen Truppen im Dienst der Generalstaaten und General der Kavallerie. Er erwog damals einen dauerhaften Aufenthalt in den Niederlanden, der ihm von seinem Vater bereits 1709 genehmigt worden war, und erwarb 1715 die Herrschaften Tilburg und Goirle bei ’s Hertogenbosch. Da Wilhelms älterer Bruder Friedrich als Ehemann der schwedischen Thronerbin seit 1715 in Stockholm residierte, hielt sich Wilhelm dann ab 1727 häufiger in Kassel auf, um den alternden Vater, der 1730 starb, zu unterstützen. Offizieller Nachfolger Landgraf Karls wurde aber zunächst Friedrich I., sodass in Kassel bis zum Tod des Bruders 1751 Wilhelm als Statthalter regierte. Aus seiner 1717 auf Druck des Vaters erst relativ spät und nur aufgrund der Kinderlosigkeit des älteren Bruders geschlossenen Ehe mit Dorothea Wilhelmine von Sachsen-Zeitz (1691–1743) stammte neben dem früh verstorbenen Sohn Karl (1718–1719) und der Tochter Maria Amelia (1721–1744) auch sein späterer Nachfolger Landgraf Friedrich II.. Die Ehe verlief allerdings wenig glücklich. Dorothea Wilhelmina war in ihrer Jugend durch eine Blatternerkrankung entstellt worden und verfiel zunehmend in geistige Verwirrung, so dass man sie bis zu ihrem Tod wegsperrte. Als Statthalter wie als regierender Landgraf suchte Wilhelm auf reichspolitischer Ebene die weitgehend erfolglosen Bestrebungen des Vaters nach territorialer Vergrößerung und Standeserhöhung fortzusetzen. Er verfolgte diese Ziele auch mit den gleichen Mitteln: Bündnisse mit den protestantischen Großmächten Niederlande, England und Preußen, aber auch mit dem Wittelsbacher Kaiser Karl VII., der ihn kurz nach seiner Wahl Anfang 1742 auf Schloss Philippsruhe bei Hanau besuchte. Nach einem im Sommer des Jahres geschlossenen Vertrag wurden 3000 Mann hessische Truppen in kaiserlichen Sold genommen, wofür Karl VII. den Bestand des hessischen Territoriums garantierte und die ersehnte Kurwürde in Aussicht stellte. Wie schon Landgraf Karl lieferte Wilhelm aber vor allem den Seemächten immer wieder umfangreiche Subsidientruppen. Schon 1723 und 1725 hatte Wilhelm König Georg I. in England besucht; 1726 kam dann ein Subsidienvertrag auf 12.000 Mann hessischer Truppen zu Stande, die Wilhelm ab 1727 selbst kommandierte. Die Vermählung seines Sohnes Friedrich (II.) mit Maria, der Tochter König Georgs II., im Jahre 1740 untermauerte diese Verbindung schließlich auch dynastisch.

Abgesehen von den Ereignissen des Siebenjährigen Krieges war es vorab der Übertritt des Thronfolgers zum Katholizismus, der die letzten Jahre Wilhelms überschattete. Er erzwang die sogenannte „Assekurationsakte“ und ließ die Enkel außer Landes erziehen. Dazu trat er die 1736 ererbte Grafschaft Hanau, die ihm von Friedrich I. schon zu Lebzeiten zur selbstständigen Verwaltung überlassen worden war, an Schwiegertochter Maria und ihre Kinder ab, die hier residierten. Ein erneuter Subsidienvertrag vom 18. Juli 1755 band Hessen-Kassel weiterhin an die Verbündeten England und Preußen; das ihnen überlassene Kontingent von 12.000 Mann wurde 1759 auf 20.000 erhöht. Demzufolge trat Hessen-Kassel auch nicht in den Reichskrieg gegen Preußen ein und versagte Kaiser Franz und Maria Theresia jedwede Unterstützung. Die Hoffnung, den Subsidienvertrag zu einem regelrechten Bündnisvertrag auszuweiten, scheiterte jedoch ebenso wie Wilhelms Plan einer Union der protestantischen Mächte zur Bekämpfung des österreichisch-französischen Übergewichts. Anfang Juni 1757 musste Wilhelm dann vor den anrückenden Franzosen aus seinem Lande fliehen und ging zunächst nach Hamburg. Dank der Erfolge der Armee unter der Führung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, in der auch die hessischen Truppen kämpften, konnte er im Mai 1758 noch einmal nach Kassel zurückkehren. Bereits im Juli war der kränkelnde 75jährige erneut zur Flucht gezwungen, diesmal begleitet und gepflegt von seiner Schwiegertochter Maria. Über Hamburg und Bremen kehrte er im Oktober 1759 in das damals hessische Rinteln zurück, wo er wenige Monate später verstarb.

Bleibende Bedeutung erlangte Wilhelm durch seine kulturellen Leistungen. Der langjährige Aufenthalt in den Niederlanden hatte sein Interesse an der zeitgenössischen holländischen Malerei geweckt; mit beachtlicher Kennerschaft begann er nach 1720 mit dem systematischen Aufbau einer Sammlung europäischer Renaissance und Barockmalerei. Nach der Übernahme der Statthalterschaft in Kassel verstärkte er diese Sammeltätigkeit, die er zudem auf ostasiatisches Porzellan ausdehnte. Allein 1750 erwarb er acht Werke Rembrandts. Landgraf Wilhelm wurde damit zum Gründer einer der bedeutendsten fürstlichen Gemäldegalerien (heute Schloss Wilhelmshöhe). Mit Johann Heinrich Tischbein dem Älteren aus Haina holte er 1753 zudem einen der wichtigsten deutschen Künstler des 18. Jahrhunderts als Hofmaler nach Kassel. Die Beziehungen zu Kaiser Karl VII. brachten ihn mit dem Münchner Hofarchitekten François de Cuvilliés dem Älteren in Verbindung, der die Sommerresidenz Wilhelmsthal plante. Der Architekt König Friedrichs II. von Preußen, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, lieferte den Entwurf für die Grottenanlage im Park. Nach Planungen von Cuvilliés entstand zudem 1749/51 ein weitläufiger Galerie-Bau in Kassel, der 1943 zerstört wurde.

Holger Th. Gräf

(Text identisch mit: Franz, Das Haus Hessen, S. 121 f.)

Zitierweise
„Hessen-Kassel, Wilhelm VIII. Landgraf von“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/118632914> (Stand: 19.4.2020)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde