Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon

Landkreis Bergstraße

Die Bearbeitung der Siedlungen des Kreises Bergstraße umfasst die Gebiete des durch die Gebietsreform kaum veränderten Kreises, dessen Umfang am 1. August 1972 bestätigt wurde. Zuvor war am 1.7.1971 lediglich die Gemeinde Laudenau in den Landkreis Erbach ausgegliedert worden. Der Kreis Bergstraße besteht heute aus 10 Städten und 13 Gemeinden. Bei der Neugliederung blieb der Name des Kreises erhalten, nur auf Gemeindeebene wurden Veränderungen vorgenommen. Der über die → Erweiterte Suche (Auswahlfeld Altkreis) recherchierbare Zustand des Jahres 1961 zeigt den sogenannten → Altkreis Bergstraße.

Bergstraße: Karte mit Gemeinde- und Gemarkungsgrenzen

Kartengrundlage: Hessische Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG)
Kartenbearbeitung: Melanie Müller-Bering, HLGL

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Geographisch umfasst der im Nordwesten vom Rhein und im Südosten vom Neckar begrenzte Kreis Teile des Hessischen Rieds, der Bergstraße und des Odenwaldes. Das südlich gelegene Stück des Neckartals bildet mit den Städten Hirschhorn und Neckarsteinach eine räumlich nicht mit dem übrigen Kreisgebiet verbundene Exklave.

Unter römischer Herrschaft erfolgte eine erkennbar strukturierte Erschließung des Raumes im Vorfeld eines Militärstützpunktes bei Worms bereits in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Chr. Dem Hessischen Ried kam durch die Ansiedlung germanischer Verbände zunächst die Rolle einer Kontaktzone von römischer Welt und Barbaricum zu, bevor mit dem weitgehenden Rückzug der Römer auf die linke Rheinseite im 3. Jahrhundert eine von germanischen Stämmen geprägte Phase greifbar wird. Das Land geriet schließlich um die Mitte des 5. Jahrhunderts vorübergehend unter alemannischen Einfluss, bevor mit der verstärkten Einbindung in das Fränkische Reich im 6. Jahrhundert eine in den Schriftquellen zunächst kaum greifbare Neustrukturierung beginnt. Das Reich war in diesem Raum durch Königshöfe in Bürstadt, Biblis, Wattenheim, Zullenstein und Viernheim sowie durch ausgedehnte Königsgutbezirke präsent. Ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts lassen sich zudem zahlreiche fränkische Adelsfamilien in der Bergstraße nachweisen. Einer dieser Familien entstammt der Graf Cancor, der in Lorsch in den 760er Jahren ein Kloster gründete, das nach seinem Tode 771 dem König übertragen wurde. Über 400 Jahre sollte das Reichskloster Lorsch maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Raumes nehmen. Intensive Vergabungen von Landbesitz an die Abtei spiegeln in der Folge die Besitz- und Verwaltungsstrukturen der Region.

Mit der Übertragung des Klosters an das Mainzer Erzstift durch Kaiser Friedrich II. im Jahr 1232 nahm der politische und wirtschaftliche Einfluss des geistlichen Reichsfürstentums in der Region deutlich zu, was unweigerlich zu weiteren Spannungen mit dem mächtigsten Konkurrenten im Konflikt um die Vorherrschaft im Rhein-Main-Neckar-Raum, den Pfalzgrafen, führte. 1461 verpfändete Kurmainz die Bergstraße an die Kurpfalz, die sie erst 1649 endgültig zurückerwerben konnte. Nachdem durch den Übergang der Pfalz an die katholische Linie Pfalz-Neuburg 1685 konfessionelle Streitigkeiten zwischen Kurpfalz und Kurmainz beigelegt worden waren, konnten im Vertrag von Frankfurt 1714 die Territorialgrenzen endgültig festgelegt werden.

Die Präsenz des Fürstbistums Worms blieb hingegen an der Bergstraße auf wenige Orte (Bobstadt, Hofheim, Lampertheim, Nordheim), beschränkt. Auch dem mächtigsten Konkurrenten im Norden, der Landgrafschaft Hessen, gelang vor 1800 kein territorialer Zugang. Dagegen vermochten es kleinere, teils aus dem Ministerialenstande hervorgegangenen Geschlechter durchaus, über ihren Besitz politischen Einfluss in der Region zu wahren. Hierzu zählten u.a. die Schenken von Erbach und die Herren von Hirschhorn.

1803 erhielt die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, seit 1806 Großherzogtum, als Entschädigung für den Verlust der linksrheinischen Gebiete von Hanau-Lichtenberg die nahegelegenen rechtsrheinischen Teile aus dem zerschlagenen Kurmainzischen Territorium sowie aus dem Fürstbistum Worms und der Kurpfalz. Dazu gehörten aus dem kurmainzischen Oberamt Starkenburg die vier Amtsvogteien Bensheim, Fürth, Heppenheim und Lorsch sowie die Ämter Gernsheim und Hirschhorn. Aus ursprünglich bischöflich wormsischen Gebiete rechts des Rheins kamen Lampertheim und der Wormser Anteil an Neckarsteinach hinzu sowie die ehemals kurpfälzischen Oberämter Lindenfels, Otzberg und Umstadt. Es bereitete der hessisch-darmstädtischen Landesregierung ganz offensichtlich Schwierigkeiten, dem von unterschiedlichen historischen und konfessionellen Entwicklungen geprägten Raum neue Verwaltungsstrukturen zu geben. Nach einigen Veränderungen und Umbildungen in den Anfangsjahren wurde das Gebiet des späteren Kreises Bergstraße 1821 in vier Landratsbezirke (Bensheim, Heppenheim, Hirschhorn und Lindenfels) aufgeteilt, wobei sich diese Regelung nicht bewähren sollte. Schließlich wurden 1832 die Landkreise Bensheim und Heppenheim nach den gleichnamigen Hauptorten gebildet, die in der Folgezeit wiederholt Veränderungen erfahren sollten. Ersterer ging aus Gemeinden der Landratsbezirke Bensheim und Heppenheim hervor, der Landkreis Heppenheim entstand wiederum durch Umbenennung aus dem Kreis Lindenfels. Die Zusammenfassung beider Landkreise in den Regierungsbezirk Heppenheim 1848-1852 blieb eine Episode. Die sich hieran anschließende Wiederherstellung des Kreises Lindenfels aus den Landgerichtsbezirken Fürth und Hirschhorn sowie aus Teilen des Landgerichtsbezirks Michelstadt wurde 1874 wieder aufgehoben und die Gemeinden in die Kreise Erbach, Bensheim und Heppenheim eingegliedert. 1938 erfolgte schließlich die Auflösung des Kreises Bensheim. Ein Teil seiner Gemeinden wurde dem Kreis Heppenheim hinzugefügt, der im gleichen Jahr in Kreis Bergstraße umbenannt wurde. Dieser bildet somit historisch betrachtet eine heterogene Kleinlandschaft, die durch unterschiedliche Zugehörigkeiten von Beginn der spätmittelalterlichen Territorialisierung des Raumes an über zahlreiche Verwaltungsumstrukturierungen im 19. Jahrhundert bis 1938 beträchtliche Veränderungen erfahren hat.

Für die Bearbeitung des Kreises Bergstraße wurden als grundlegende Werke das Hessische Ortsnamenbuch, Wagner, Wüstungen im Großherzogthum Hessen, Provinz Starkenburg, Koob, Wüstungen Bergstraße (1), Koob, Wüstungen Kreis Bergstraße (2), ferner der im Rahmen der Vorarbeiten zum Geschichtlichen Atlas von Hessen entstandene kirchentopographische Band Demandt, Kirchenorganisation sowie die Bände Kreis Bergstraße. Geschichte, Wirtschaft und Kultur in zwölf Jahrhunderten und Heinz Reitz, Mühlen wiederentdeckt. Dokumentation der Mühlenstandorte im Kreis Bergstraße, verwendet. Herangezogen wurden außerdem für den frühmittelalterlichen Reichsbesitz die Arbeit von Gockel, Karolingische Königshöfe, für die mainzischen Gebietsanteile Günter Christ, Erzstift und Territorium Mainz, in: Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte, Bd. 2, S. 188-205 und ferner der Band Die Inschriften des Landkreises Bergstraße. Für die Angaben zum Stichjahr 1787 wurde auf die Arbeit von Walter Wagner über Das Rhein-Main-Gebiet vor 150 Jahren zurückgegriffen, für die folgende Zeit auf das Historische Gemeindeverzeichnis für Hessen sowie auf das Historische Ortsverzeichnis Großherzogtum und Volksstaat Hessen. Für die Veränderungen in der Verwaltungsstrukturen im 19. und 20. Jahrhundert ist auf den Beitrag von Franz, Schwierigkeit) zu verweisen. Neben den einschlägigen Quelleneditionen wurde im Zuge der Materialsammlung in begrenztem Maße auch die archivalische Überlieferung berücksichtigt.

Großer Wert wurde auf die Erarbeitung der topographischen Ortsbeschreibungen gelegt, die, wo möglich, auf Autopsie beruhen. Die Erfassung von älteren Baudenkmälern sieht das Schema des Ortslexikons nicht vor. Hier genügt der Verweis auf das 2008 von Folkhard Cremer neu aufgelegte Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Hessen) von Georg Dehio, auf den vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Band Kulturdenkmäler in Hessen, Bergstraße 1 sowie auf Dammann, Kunstdenkmäler des Kreises Bensheim und Einsingbach, Kreis Bergstraße.

Die statistischen Angaben zu den Einwohner- und Häuserzahlen sowie der Flächennutzung wurden, sofern nicht anders vermerkt, der Hessischen Gemeindestatistik und dem Werk Das Großherzogthum Hessen von Philipp Alexander Ferdinand Walther entnommen.

 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde