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Herzogtum Nassau 1819 – 51. Rüdesheim

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Rüdesheim am Rhein

Stadtteil · 82 m über NN
Gemarkung Rüdesheim, Gemeinde Rüdesheim am Rhein, Rheingau-Taunus-Kreis 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Burg; Stadt

Lagebezug:

25 km südöstlich von Wiesbaden

Lage und Verkehrslage:

Stadt in der dicht besiedelten Rheingau-Uferzone vor dem Eintritt des Stromes in das enge Durchbruchtal des "Binger Lochs". Marktplatz mit nordöstlich gelegener Kirche in zentraler Lage. Insgesamt vier Burganlagen im alten Ortskernbereich (s. Befestigungen). An den terrassierten Steilhängen westlich der Stadt lückenlose ansteigende Rebkulturen.

Bahnhof der Eisenbahnlinie Wiesbaden – Oberlahnstein ("Rheintalbahn") (Inbetriebnahme der Strecke 11.8.1856, 22.2.1862). 1861 Gütertrajekt nach Bingerbrück. 1915 Eröffnung der Eisenbahnbrücke über den Rhein zwischen Rüdesheim-Geisenheim und Bingen-Kempten (Hindenburgbrücke), die 1945 gesprengt wurde. 1884 Bau einer Zahnradbahn zum Niederwalddenkmal, seit 1954 Kabinen-Seilbahn. Der Fährverkehr zwischen Bingen und Rüdesheim wird heute durch eine Personenschiffsfähre und eine vom Binger Hafen ausgehende Wagenfähre durchgeführt. Die Kölner Dampfschifffahrtsgesellschaft legte 1827 noch nicht in Rüdesheim an, jedoch die Düsseldorfer bereits 1837.

Siedlungsentwicklung:

Der alte gewachsene Stadtkern liegt um den Marktplatz (schon 1210 ein Adliger Konrad de foro, Marktgasse im 14. Jahrhundert). Ausdehnung von N nach S etwa 300 m, von Osten nach Westen etwa 200 m. Reste der Stadtbefestigung im N und der Adlerturm im SO. Schon im 18. Jahrhundert Ansiedlung vor den Toren. Im 20. Jahrhundert Ausdehnung östlich der Grabenstraße gitterförmig und nach Westen leiterförmig zum Bahnhof soweit es das herantretende Gebirge erlaubt.

Im 19. und 20. Jahrhundert Entwicklung zum Fremdenverkehrsort. Schwere Schäden durch Fliegerangriffe 1944. Das bis 1950 nordöstlich der Stadt frei in den Weinbergen gelegene ehem. Dorf Eibingen ist durch Siedlungsverdichtung heute vollständig im Stadtbild von Rüdesheim aufgegangen.

Historische Namensformen:

Bezeichnung der Siedlung:

  • villa (1108);
  • Flecken (16. Jahrhundert);

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Burgen und Befestigungen:

  • In der Ortslage befanden sich vier Burganlagen:
  • Bei der sog. Burg auf der Laach handelte es sich um eine Rechteckige Anlage von Ringmauer umzogen mit quadratischem Turm in der NW-Ecke und einem kleineren rechteckiges Haus in der NO-Ecke. Tor in der Mitte der S-Seite. Die Burg war wohl bereits um 1300 nicht mehr bewohnt. 1641 wurde auf Befehl des Mainzer Kurfürsten Anselm Casimir die Ruine abgetragen, da marodierende Söldner sie als Unterschlupf nutzten.
  • Die sogenannte Vorderburg (auch Marktburg genannt) befand sich in der Westhälfte des alten Stadtkerns, südwestlich des Marktplatzes. Von ihr ist nur noch der Stumpf eines quadratischen Turmes und Mauerreste erhalten. Sie wurde vielleicht im 12. Jahrhundert gegründet und von den Kind von Rüdesheim, die 1386 ausstarben, ausgebaut. Spätestens im 17. Jahrhundert geriet sie in Abgang.
  • Die Oberburg (Boosenburg) wurde wohl bereits im 11. Jahrhundert als Turmburg erbaut und befand sich in der Westhälfte des alten Ortskerns auf einem flachen Hang. Erbaut wurde sie von den Herren von Rüdesheim, die bis ins 15. Jahrhundert im Besitz der Burg blieben. 1275/76 trugen sie diese vom Mainzer Erzbischof zu Lehen. Nach dem Aussterben der Familie kam die Burg in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert an die Boos von Waldeck. 1830 wurde sie von der Familie Sturm erworben und in ein Weingut verwandelt. 1836 erfolgte der Abbruch der Wehrmauern und Gebäude. Lediglich der Bergfried blieb erhalten.
  • Die Niederburg (genannt Brömserburg) wurde um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert erweitert, die Ringmauer erhöht und verstärkt und inseitig wurden dreigeschossige unterkellerte Gebäudeflügel angebaut. Sie war von einem trockener Graben umfasst. Sie war mainzisches Lehen der Ministerialen von Rüdesheim mit dem Lilienwappen und dem Familienzwieg der Brömser von Rüdesheim. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts Ausbau zu Wohzwecken durch Georg Moller. 1941 vo nder Stadt Rüdesheim als Eigentum erworben und als Heimat- und Weinbaumuseum genutzt.
  • Reste der Stadtbefestigung im N und der Adlerturm im Südosten.

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3422853, 5538511
UTM: 32 U 422809 5536736
WGS84: 49.97796023° N, 7.923400041° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

439013040

Einwohnerstatistik:

  • 1525: 250 Herdstellen
  • 1603: 229
  • 1700: 106 Bürger und 15 Beisassen
  • 1773: 266 Bürger
  • 1781: 251
  • 1818: 1996 Einwohner
  • 1820: 2112 Einwohner
  • 1830: 2329 Einwohner
  • 1840: 2418 Einwohner
  • 1850: 2553 (642 Familien)
  • 1860: 2718 Einwohner
  • 1867: 3087 Einwohner
  • 1880: 3609 Einwohner
  • 1890: 4240 Einwohner
  • 1900: 4812 Einwohner (1038 Familien)
  • 1910: 4559 Einwohner
  • 1925: 4422 Einwohner
  • 1933: 4744 Einwohner
  • 1939: 5766 Einwohner
  • 1961: 7195 Einwohner
  • 1970: 7236 Einwohner

Diagramme:

Rüdesheim am Rhein: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 1604: Kurfürstentum Mainz, Unteramt Geisenheim
  • 1787: Kurfürstentum Mainz, Unteres Erzstift, Vicedomamt Rheingau, Amtskellerei Rüdesheim und Amtsvogtei Geisenheim
  • 1803: Nassau-Usingen, Vicedomamt Rheingau, Amtskellerei Rüdesheim
  • 1816: Herzogtum Nassau, Amt Rüdesheim
  • 1849: Herzogtum Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Verwaltungsbezirk VIII
  • 1854: Herzogtum Nassau, Amt Rüdesheim
  • 1867: Preußische Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Rheingaukreis
  • 1968: Regierungsbezirk Darmstadt, Rheingaukreis
  • 1977: Rheingau-Taunus-Kreis

Altkreis:

Rheingaukreis

Gericht:

  • 1205: Schultheiß und Schöffen von Rüdesheim
  • Zum Gerichtsbezirk von Rüesheim gehörten in kurmainzische Zeit Aulhausen, Eibingen und bis ins 14. Jahrhundert Assmannshausen.
  • Bis 1885 Sitz eines Justizamtes.

Herrschaft:

1360 werden zwei Bürgermeister genannt

Seit 1412 führt das Gericht mehrere Siegel, die St. Martin und den Kirchenpatron St. Jakobus zeigen.

Gemeindeentwicklung:

Seit 1820 amtlich Stadt ohne förmliche Stadtrechtsverleihung. Am 1.4.1939 Eingemeindung von Eibingen.

Zur Entwicklung der im Zuge der hessischen Gebietsreform neu gebildeten Stadtgemeinde s. Rüdesheim am Rhein, Stadtgemeinde. Sitz der Gemeindeverwaltung ist Rüdesheim am Rhein.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 1128 ist ein Salhof (Marktplatz 14) des Mainzer Erzbischofs belegt, der vermutlich schon den Mittelpunkt einer fränkischen Krongutverwaltung bildete. In Rüdesheim waren eine Reihe von Ministerialen ansässig, die sich nach dem Ort benannten, Adelsburgen anlegten und sich durch ihre Wappen unterschieden. Um 1770 bestanden 7 Adelshöfe.
  • Daneben hatten auch das Mainzer Domkapitel, das St. Viktorstift und Kloster Eberbach Besitz in Rüdesheim.
Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • 1197: Pfarrer
  • 1311: Nikolauskapelle über dem Graben der Niederburg
  • 1314 Hospitalskapelle St. Katharinen (1395 Kaplan)
  • 1332: Bethlehemskapelle auf dem Eberbacher Klosterhof
  • 1518: Michaelskapelle auf dem Friedhof mit Frühmesser

Patrozinien:

  • Jakobus (1314)

Pfarrzugehörigkeit:

1401 gehört die Burg Ehrenfels zum Kirchspiel (1344 Kaplan bezeugt). Wahrscheinlich gehörte Aulhausen mit seiner Petronellenkapelle ebenfalls zum Kirchspiel.

Patronat:

1544 werden die Boos von Waldeck von Zweibrücken mit einem Anteil am Kirchsatz belehnt. 1595 sind die von Obentraut Kollatoren.

Bekenntniswechsel:

Die Reformation konnte sich im Erzbistum Mainz nicht durchsetzen, evangelische Regungen wurden 1525 unterdrückt. Der Ort blieb katholisch.

1787 Rüdesheimer Gesangbuchstreit, vom Kurfürsten mit 2 Kompanien Infanterie, Kanonen und 2 Zügen Husaren bekämpft. Evangelischer Gottesdienst erst seit 1853, selbstständige evangelische Pfarrei seit 1871.

Kirchliche Mittelbehörden:

Ursprünglich Mainzer Archidiakonat St. Moritz in Mainz. 1822-27 zum Trierer Generalvikariat in Limburg, seit 1827 zum Bistum Limburg

Dekanat Wiesbaden-Land, seit 1926 Dekanat St. Goarshausen, evangelische Landeskirche Hessen-Nassau.

Juden:

In Rüdesheim 1356 erstmals jüdische Ansässigkeit (1 Familie) bezeugt. Danach erst wieder Belege zur Niederlassung von Juden für das Ende des 17. Jahrhunderts.

Synagoge 1842/43

Kultur

Schulen:

Schule wohl erst seit Mitte 16. Jahrhundert. Heute je 1 Volksschule in Rüdesheim und Eibingen. Höhere Töchterschule ab 1855, als städtische Alberti-Mittelschule 1876-1945. Freiwillige Fortbildungsschule 1861 in Gewerbeschule umgewandelt.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

1770-1803 war Rüdesheim Mittelpunkt einer der beiden Amtskellereien des Rheingaus, sodann bis 1885 Sitz eines Justizamtes. Seit 1867 Sitz des Landratsamtes.

1816-1866: Sitz des nassauischen Amtes Rüdesheim: Rüdesheim, Assmannshausen, Aulhausen, Eibingen, Espenschied, Geisenheim, Johannisberg, Lorch, Lorchhausen, Presberg, Ransel, Stephanshausen, Winkel, Wollmerschied und die Abtei Johannisberg

Wirtschaft:

Seit alters Weinbau und Weinhandel, dazu Schifffahrt. Anfang 13. Jahrhundert noch bedeutende Rodungen von Weinbergen. Weinmärkte seit 1230, doch nur zum Absatz der eigenen Weine, 1712 eingegangen infolge Befreiung vom gemeinsamen Verkaufszwang. Der weltbekannte Rüdesheimer Wein ging früher besonders nach Köln, Frankfurt, Holland und Norddeutschland; im Bremer Rathaus die berühmte Rose (Rüdesheimer Wein von 1624). 1880: 198 ha (792 Morgen); 1931 im Ertrag stehend: 180 ha. Bekannteste Lagen: Schlossberg, Zollhaus, in der Kripp, Rottland, Hinterhaus, Bischofsberg. Von der 4,91 ha umfassenden landwirtschaftlichen Nutzfläche der Gemarkung Rüdesheim waren im Jahre 1951: 264 ha Rebland (54%), 157 ha Ackerland (32%), 70 ha Wiesen und Obstgärten (14%). Der Kaufmannsweg von Lorch nach Rüdesheim verlor seit Verbesserung der Schifffahrt durch das Binger Loch im 14. und 15. Jahrhundert ständig an Bedeutung. In Rüdesheim stand vom 14. bis 18. Jahrhundert ein landesherrlicher Kran. Die Schiffer zu Rüdesheim beanspruchten bis Ende 18. Jahrhundert gegen die von Bingen das Monopol des Ein- und Ausladens von Waren in Rüdesheim, auch die Überfahrt zu den Wochenmärkten in Mainz und Bingen. Die Überfahrt dorthin mit kleineren Nachen betrieb die gesamte Schifferzunft, die mit großen, sogenannten Sprengnachen die Fergergesellschaft. Besitzstand 1818 ministeriell anerkannt, 1871 für die Ferger abgelöst. Einige steuerten die Flöße von Mainz bis zum Niederrhein (Familie Jung). 1737: 12 Ferger. Anfang 17. Jahrhundert wird ein kleiner Holzhandel zugelassen. Der Jahrmarkt (die Kirchweih) hat noch um 1800 nur geringe Bedeutung. Am Bundesbrief der Lohgerber in den mittelrheinischen Städten von 1444 sind auch die von Rüdesheim beteiligt. 1828 in 28 Berufen bei 540 Haushalten 187 Gewerbetreibende, davon 1878: 36 Weinhändler. Nach 1850 Sekt- und Weinbrandindustrie, dazu reger Fremden- und Ausflugsverkehr (Niederwalddenkmal, Drosselgasse). Ackerbau verliert an Bedeutung.

Markt:

1210 ist durch den Namen der Adligen "de Foro" der Markt in Rüdesheim belegt.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Rüdesheim am Rhein, Rheingau-Taunus-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/10836> (Stand: 8.11.2017)
 
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